Gedanken einer Nacht – 04.08.2018

Menschen irren verwirrt durch die dunklen Straßen.

“Hast du …?” Sie blicken sich gegenseitig in die erschrockenen Gesichter. “Bei dir auch?”

Fremde kommen auf dich zu: “Wisst Ihr was?” und Erinnerungen werden wach. Erinnerungen an Bilder, die immer weit weg erschienen und nun doch so nah sind. Hautnah sozusagen.

In das geisterhaften Treiben der Meisten mischt sich hektische Betriebsamkeit von einigen Wenigen. “Da muss doch noch …” “Ich hatte extra welche aufgehoben!” Ihr aufgescheuchtes Herumflattern wirkt auf die ängstlichen Gesichter in der Nacht nicht beruhigender. Eher das Gegenteil trifft ein. Man rückt zusammen wie eine Herde Schafe und versucht, in der Masse das Fremde, Unbekannte, das immer schon Befürchtete bekämpfen zu können. Mir was? Plüschpantoffeln?

“Wie lange wird es dauern?”, ist die meistgestellte Frage der Nacht. Ja, wie lange …?

Einige Tapfere versuchen sich mit Zweckoptimismus. “Ich gehe jetzt ins Bett und wenn ich wieder wach werde, ist alles vorbei.” Merkwürdig, wie es an die Kindheit erinnert, als die Mutter das noch sagte. “Kind, schlaf erst einmal darüber. Morgen ist alles vorbei.” Eine bessere Welt durch Ignoranz? Wird man so der Lage gerecht? Es fühlt sich falsch an. Doch was kann man machen … kann ich machen?

Wohin ich schaue, sehe ich graue Gesichter. Einige Straßenlaternen senden noch ihr fahles Licht in die Nacht. Wie lange werden sie noch scheinen? Was, wenn sie ausgehen? Wer ist noch hier – an wen könnte man sich wenden, falls man Hilfe braucht? Wann kommt der Mob? Der muss doch kommen. Kennt man schließlich aus dem Fernsehen. Irgendwann kommt immer der Mob. Menschen rücken zusammen und nicht immer sind sie auf Hilfe aus.

Ein schnelles Drehen des Kopfes in alle Richtungen beruhigt latent. Die dort, die kenn ich, das sind meine Nachbarn. Die auf der anderen Seite kenn ich auch. Vom Sehen. Gesprochen habe ich noch nie mit ihnen. Wozu auch. Bis jetzt. … Aber wer ist das? Das Mädchen habe ich noch nie vorher hier gesehen. Wo kommt sie her? Was will sie? Und wen hat sie mitgebracht? Angst. – Angst hat sie mitgebracht. Als hätte man nicht schon ausreichend selbst hier in der Runde. Wir geben uns gelassen und sind es doch so wenig.

Unser Leben ist urplötzlich anders geworden. Wie wenn ein Schalter umgelegt wurde. Wann wird es wieder so sein, wie es zu Mutters Zeiten war? Warm, sicher, hell? Vermutlich nie. Ist man auf die Lage, sollte sie so bleiben, ausreichend vorbereitet? Ist ausreichend Wasser im Keller? Essen? Zu dumm, dass man den Gedanken an das Notstromaggregat nicht weiterverfolgt hat. Wenn alles wieder normal ist, muss man darüber unbedingt noch einmal nachdenken. Ach was! Nicht nachdenken … handeln. Ja handeln. Nichts ist schlimmer als zur Untätigkeit verdammt zu sein. Morgen gleich. Ach nein, da ist ja Sonntag … aber übermorgen, wenn alles wieder normal ist.

Wird es das je wieder …

 

Gedanken einer Nacht.
Der Nacht vom 03. zum 04.08.2018
Stromausfall um 23:34 Uhr in Bremen.
Dauer: ca. 1 Stunde.

Woran kann man feststellen, dass Wochenende ist?

Habt Ihr auch bemerkt, dass sich mit der Zeit das Gefühl für Wochenenden ändert?
Komisch ist das schon. Das Wochenende liegt immer noch hinter Donnerstag und vor Montag, aber es fühlt sich mittlerweile anders an.
War es früher soooo lange noch hin und die Woche gähnend lang, so ist es jetzt doch schneller da (und leider auch schneller rum), und ich zumindest frage mich, wo die Zeit geblieben ist.

Wenn das so weitergeht, dann bin ich irgendwann mal 70 und jeder Tag ist Wochenende,
weil ich dazwischen nichts mehr mitbekomme.
Hey, könnte eine geile Idee sein, wenn da nur nicht das Problem mit der leidigen Verwandschaft wäre. Oder der zwangsadoptierten Verwandschaft (des Partners).
Wenn die jetzt alle 7 Tage nerven, dann habe ich das mit 70 jeden gruseligen Tag, den ich noch lebe. *Brrrr. Nette Aussichten, oder?

Mal überlegen:
Vielleicht muss ich die Woche einfach an einem Mittwoch anfangen lassen.
Sollte ich dann die Tage bis zum neuen Wochenende am Dienstag vergessen,
habe ich die bucklige Verwandschaft auch “mit”vergessen.
Hey, das klingt nach einem guten Plan.

Tja Wochenende. Mittlerweile, geschafft von der Woche, hängt man oft nur auf der heimischen Couch ab. Körperzellen sollen sich ja abnutzen, aber auch erneuern. Aber irgendwo muss im Erneuerungsprozess eine der Zellen falsch abgebogen sein. Wo bleiben meine Aktivitäts-Zellen? Die ich noch mit 20 hatte? Das Wochenende vollgepackt mit Events, dass dagegen die Woche nur abstinken konnte, weil es soviel Abwechlung im Job nicht gab.

Jetzt hol ich mir die Abwechslung, wie viele andere, mit der Glotze nach Hause.
Fernseh-Mikado.
Stillsitzen, konsumieren. Keine Bewegung (Snacks und Getränke sind von der Regelung ausgenommen). Wer zuerst nach der Fernbedienung greift, hat verloren.
So ruhig merkt man natürlich nicht den Unterschied zwischen der Woche und dem Wochenende und die Tage beginnen zu rennen. Immer schneller auf das Alter zu. Da hilft nur Ablenkung. Wer will schon in der Blüte seiner Jahre an deren Vertrocknen erinnert werden.
Ok. Also Fernsehen: Was gibt´s denn heute?

Man hat die Qual der Wahl, wenn es um einen guten Film geht. Jeder Sender haut am Wochenende die besten Stücke raus. Als wäre man immer nur an einer Sache interessiert.
Wie Schubladendenken, das mir schon immer verhasst war.
Agi mag Krimis, also darf sie keine romantische Komödie sehen (läuft zeitgleich).
Oder doch lieber eine Dokumentation über das Weltall? (Ist morgen immer noch da!)
Und der Animationsfilm von Pixa, den sie aber im Kino verpasst hat? (Nur für Kinder … oder?)
Ehrlich: Manches Mal sehne ich mich zurück in die Zeit,
als es nur 3 (in Worten: drei) Fernsehprogramme gab.
Selbst da konnten Interessensüberschneidungen stattfinden,
aber es waren deutlich weniger.

Ausgehen sollte man wieder. Wie früher. Au ja.
Keine Programmwahl, nur die Frage des Kellners, was man trinken mag.
Passt die Musik nicht, hört man das schon auf der Straße und geht einfach weiter, ohne sich erst “reinhören” zu müssen.
Keine Verwandschaft, nur Freunde. Und die Option, noch mehr neue Freunde kennenzulernen, ohne von ihren geposteten Tellern genervt zu werden.
Echte Menschen, bei denen man sieht, ob sie lachen oder nur so tun als ob.
Seufz.

Auch das klingt nach einem Plan. Einem guten. So mach ich das.
In diesem Sinne … Tschüss bis nächste Woche.

 

Oh diese Nachbarn!

Nachbarn, eine merkwürdige Gattung Mensch.
Jeder hat sie, nicht jeder will sie.
Sie sind so vielfältig, wie es die Natur ist.
Dicke, dünne, große, kleine, alte, junge.
Rücksichtsvolle, liebevolle – und andere.

Ich bin in meinem Leben einige Male umgezogen. Da kommen viele Orginalen zusammen. Lasst mal überlegen:

Da war die Dame, die sich als Hausmeister aufspielte (es aber nicht war) und mir meinen Kellerschlüssel abnahm, weil 1-Zimmer-Wohnungen angeblich keinen Keller haben. – Geglaubt habe ich es ihr nicht, aber ich hatte keine Chance. Ich stand mit meinem gesamten Hausstand vor der Tür, hatte Zeitdruck, weil der Wagen noch ausgeräumt werden musste und es nur noch eine Stunde Luft gab, bis der Mietwagen eine weitere Stunde gekostet hätte. Circa fünf Jahre später habe ich durch Zufall die Kellertür offen gesehen und musste nachzählen, ich konnte nicht anders. Eigentlich überflüssig, da ich die Wohnung von einer Freundin hatte, die mir schon ein halbes Jahr nach Einzug bestätigte, dass es definitiv einen Keller gegeben hatte. Und natürlich gab es ausreichend Keller, sogar noch drei zusätzlich. Wo mein Keller abgeblieben war, konnte ich mir leicht vorstellen.

Die nette Dame wohnte auch noch Tür an Tür mit mir. So kam ich in den Genuss, sie (und das gesamte Haus) zu retten.
Was war passiert: Eines Tages kam ich nachmittags von der Arbeit nach Hause, als ich sie, auf einem Küchenstuhl im Flur sitzend, vorfand. Auf der Schwelle zu ihrer Wohnung – zwei Stuhlbeine in der Wohnung, zwei im Flur. Als sie mich erblickte, krallte sie sich in meinen Arm und meinte, ich möge ihr unbedingt folgen. Jetzt gleich. Sofort. Sie bekäme den Herd nicht aus.
Ich gebe zu, ich war irritiert. Zickte sie mich doch sonst immer nur an.
Nun gut, ich war und bin ja kein Unmensch.

Vergeben ist Pfadfinderpflicht, dachte ich mir und folgte ihr in die nach Bohnerwachs und Spießigkeit riechende Wohnung. Sie zog mich in die Küche und zeigte auf ihren Herd. Ein kurzer Blick und ich erkannte das Drama …
Ein Wassertopf köchelte, mit dem sie irgendetwas bruzzeln wollte.
“Er geht nicht aus!”, jammerte sie. “Ich habe schon vier Stunden auf dem Stuhl gesessen, aber es ist keiner nach Hause gekommen.”
Vier Stunden. Wow. Das nenn ich mal Ausdauer für so eine tüttelige Dame, deren Blase bestimmt nicht mehr die beste war.
Ein Blick auf die Knöpfe des Herdes offenbarte ihr -hausgemachtes- Dilemma. In ihrem Putzwahn hatte sie so lange auf den Schaltknöpfen herumgerieben, bis keine Zahlen mehr erkennbar waren. Rechtzeitig Striche zu machen an den entsprechenden Stellen oder gar Kerben mit dem Messer zu graben, um wenigstens die Null-Stellung zu orten, war ihr nicht eingefallen. Kriegsgeneration eben. Man macht Kerben in seinen Gewehrholm, aber nicht in Herde!
Selbstverständlich hatten die Knöpfe eine Mini-Markierung, die, das muss ich zugeben, kaum sichtbar war. Auch ich musste suchen.
Und außerdem: Es war natürlich auch eine Gemeinheit des Herdes, dass er Elektroplatten hatte. Die Restwärme ließ nicht erkennen, ob die Platte noch heizte oder nicht. Und Geduld ist ab einem bestimmten Alter nicht mehr angesagt. Man hat schließlich in seinem Leben schon genug gewartet und muss die letzten Sekunden des Lebens auskosten. Auf die Gefahr hin, es werden auch die letzten Sekunden des restlichen Hauses. Wer war das noch, der gesagt hatte, wenn man sich umbringen will, soll man mindestens drei mitnehmen, die es verdient haben? So ein Mietshaus macht die Auswahl dann natürlich einfacher. Irgendwer wird schon dabei sein, der Dreck am Stecken hat. Ist ja eine Großstadt, in der man lebt. Die sind per se schon Sündenpfuhle. Ach ja, früher auf dem Land war alles besser und die Menschen zufriedener …

Als ich, von vielen Dankesbekundungen verfolgt, meiner Wohnung zustrebte, im sicheren Gefühl, für kurze, viel zu kurze Zeit die Welt und speziell unser Haus gerettet zu haben, fragte ich mich, wie groß die Halbwertszeit solcher Dankbarkeit wäre. – Ich darf euch verraten:
NICHT sehr LANG.
Schon eine Woche darauf hörte ich wieder ihr Gekeife hinter mir bezüglich meines vollen Postkastens. Als ich dann aber Mahnungen bekam, weil sie dem Postboten gesagt hatte, ich würde nicht mehr in dem Haus wohnen (vermutlich weil ihr Gehör versagte und sie meine Musik nicht mehr durch ihr Fernseher-Getöse hörte, das allabendlich durch die Wand drang), hatte ich genug und suchte mir neue Nachbarn.

Die Nächsten warnten mich schon drei Tage vor Einzug, auf was ich mich vorzubereiten hatte. Ich habe nicht darauf gehört und musste büßen. Selbst schuld.
Ich hatte drei Tage vor Einzug die Schlüssel für meinen, nun definitiv zur Wohnung gehörenden, Keller bekommen, um schon Sachen einzulagern. Meine Wohnung wurde noch renoviert. Die Tapeten hatte ich mir zwar aussuchen dürfen, aber noch nicht an der Wand gesehen, da der Hauptschlüssel noch fehlte.
Die Beurteilung darüber erübrigte sich, da ich sie frei Haus geliefert bekam.
Während ich noch meine Kisten umschaufelte, um sie nach Zimmern sortiert schnell greifen zu können, wenn es losging, spürte ich im Genick ein leichtes Kribbeln. Als naturwissenschaftlich erzogener Mensch kann ich nur sagen, es müssen die freien Radikale gewesen sein, die meine Aura störten. Als ich mich umdrehte, stand da eine niedliche Oma, vermutlich Mitte sechzig mit Kittelschürze und einen Röntgenblick. Die Radikale waren unsichtbar, aber ich sollte sie noch zu spüren bekommen.
“Sie sind die Neue!”, stellte sie fest. Während ich noch nickte, folgte umgehend: “Schöne Tapeten haben sie.”
Irritiert blieb mir die Sprache weg und sie musste an meinem Gesicht gesehen haben, welche Frage mich beschäftigte. Also berichtete sie mir dreist, sie habe die Handwerker bemerkt und Kaffee gekocht und das Gebräu den Handwerkern heruntergebracht, da sie zwei Stockwerke über mir wohnte. Dabei seien ihr meine Tapeten ins Auge gefallen.
Ich war mir nicht ganz sicher, ob sie erwartete, dass ich ihr für den Kaffee dankte oder ihr einen Scheck ausschreiben sollte, aber sie fuhr schon fort, mir genau zu erzählen, wer noch in dem Haus wohnte, wie alt er wäre und was er treiben würde. Selbst die Freundinnen hatte sie schon gecheckt.
Ah ja. Gut zu wissen, dachte ich mir.

Ehrlich: Die Warnung half mir kein Stück. Ich achtete zwar darauf, wen ich in meine Wohnung mitnahm, aber das hatte ich vorher schon getan. Sehr ärgerlich. Ich lud auch keinen zum Kaffeeklatsch ein. Noch ärgerlicher. Wie sollte man so die Einrichtung durchhecheln mit der halben Straße. Oder die Kondome im Badezimmer suchen?
Sprich: Ich war ein echtes Ärgernis.
Das ging ja garnicht. Irgendeinen Aufhänger musste es geben. Ein halbes Jahr warteten sie, die nette Oma aus dem dritten Stock und die 20-Jahre ältere aus der Wohnung unter ihr. Dann hatten sie ihn gefunden:
Deutschlands liebster Sprengstoff in Mietshäusern. “Die Hausordnung”.
Es ärgerte sie zu Tode, bzw. leider nur kurz vor Tode, dass ich nicht “ihre Zeit” zu nutzen schien. Samstags vormittags um 11 Uhr ist Hausordnungszeit. Nicht früher, nicht später.
Das weiß ich jetzt. Und halte mich immer noch nicht daran. Oh Schande.

Nachdem ich selbst auf ihr Klingeln nicht reagierte, bzw. die Haustür wieder vor der Nase der Dame schloss, war ich der Antichrist der Hausgemeinschaft. – Und stolz drauf.
Also nicht dass ich die Aufgabe verweigerte. Im Gegenteil. Ich wienerte die entsprechenden Stellen bis zur Selbstaufgabe … nur nie um 11 Uhr an einem Samstag.
So gnadenlos wie sie und ihre Busenfreundin aus dem Stockwerk über mir, die mir dann alle drei Monate den Hausmeister auf den Hals hetzten, anonyme Zettelchen in den Briefkasten warfen oder die eine mich mit der ganzen Kraft einer über 80-jährigen in der Haustür einklemmen wollte, ernsthaft, sowas habe ich seit dem nie wieder erlebt.
Die Krönung kam, als im Winter die Wasserrohre einfroren. Auf ihrer Seite, nicht auf meiner. Kein Wunder, denn das Erdgeschoss und auch der erste Stock waren über Weihnachten nicht zu Hause und hatten alle Heizkörper abgedreht. Bei außenliegenden Rohren etwas risikoreich. Ich grinste, als ich die Gespräche im Hausflur mitbekam. Mit bester Laune strebte ich wieder in meine Küche, denn es galt einen Geburtstagskuchen fertigzustellen. Meinen. Es war der Vortag zu meinem Ehrentag.

Nachmittags klingelte es an der Haustür. Sie stand vor der Tür.
“Ach sie sind ja doch da. Ich wollte ihnen nur mitteilen, dass die Feuerwehr in ihren Keller eingebrochen ist. – Die Rohre sind eingefroren und Sie sind schuld, weil ihr Kellerfenster in Kippe stand.”
“Wie bitte? Bei mir hat keiner geklingelt. Wie können die in den Keller, ohne dass bei mir jemand klingelt?”
“Ich habe denen gesagt, Sie sind nicht da. Sind Sie ja normalerweise auch nicht.” Auch das klang vorwurfsvoll. Wie konnte ich denn nur arbeiten gehen. Eine gute deutsche Frau war vermutlich verheiratet und immer zu Hause. Aber es ging weiter: “In ihren Keller kommt man doch ganz einfach. Da muss man doch nur den Riegel etwas zur Seite schieben, dann geht die Tür auf, weil der Backstein morsch ist.”
Danke, das wusste ich. Aber woher wusste sie das? Wie oft hatte Frau Tapetenforscherin schon in meinen Sachen gewühlt?

Jeglichen Protest von mir schüttelte sie ab wie eine Katze ein paar Regentropfen. Sie drehte sich einfach um und ließ mich verdattert stehen. Statt dessen hatte ich kurz darauf den nächsten Besuch des Hausmeisters, der mir ihre Klagen mitteilte. Lieblingsthema: Ich würde die Hausordnung nicht richtig machen. Und sie wäre eine so solide langjährige Mieterin, der man unbedingt Glauben schenken müsse.
Meinen Lappen, aus dem die Flecke der ersten “großen Hausordnung” nicht mal mit Kochen und Fleckensalz herausgingen, weil die ach-so-sauberen-Erzhausfrauen nur “runde Ecken” kannten, akzeptierte er nicht als Gegenargument. Auch nicht den Kalender, in dem ich die Tage sogar mit Tageszeit notiert hatte.
Also saß er nun zwei Tage nach Silvester, immer noch besoffen und drei Meter gegen den Wind nach Schnaps stinkend, in meiner Wohnung und weigerte sich, diese zu verlassen. Erst nachdem ich die Polizei kam, die ihm versuchte den Tatbestand des Hausfriedensbruch nahezubringen, jedoch an seinem Alkohol kläglich scheiterte, schlich er uneinsichtig wie eh und je von dannen.
Auf den Entschuldigungsbrief, den der Schiedsmann von ihr und dem Hausmeister gefordert hat, warte ich heute noch.

Ja, Nachbarn.
Man liebt sie, man hasst sie.
Aber man kommt ohne sie leider nicht durch die Welt.
Ich hoffe nur, ich mache es besser …

In diesem Sinne wünsche ich Euch freundliche Nachbarn,
mit genau der Nähe, die ihr verkraften könnt.
Einen schönen Sonntagabend.

Magerwahn – auf Facebook

Abnehmgruppen auf Facebook:
Ich werde das Gefühl nicht los, es sind zum großen Teil
Tauschbörsen für Rezepte von / für potenziell Magersüchtigen
und Halbwahrheiten. Aber Gefühle sind frei. Selbst meine.

Noch…


Magere Gedanken
(Gedicht)

Kurzer Ausflug in Diätwelten-Gruppe.
Ade Bratkartoffel, hallo Magersuppe?
->Festgestellt: Nicht “meine” Welt.

Entschieden, lieber entspannt zu genießen.
Zufrieden rundlich, lass nichts mir vermiesen.

4/5tel des Lebens: ich schlank – nix Diät.
Das sollte euch reichen, ja sogar das geht.

Kannst nicht jeden retten, ganz sicher mich nicht.
Muss jeder selbst wissen, ob ihn das anficht.

… Bleibt nun zum Schluss noch die Kardinals-Frage:
… Eis? Kuchen? Pizza? Und welche Beilage?…


Ja, meine “schlanken” Tage sind vorbei. Definitiv, vermutlich endgültig.
Vollschlank! Wer hat sich so ein Augenwischer-Wort nur ausgedacht.
Irgendwann packte mich aber der Ehrgeiz und ich wollte noch Mal …
Mein Jeans-Minirock, der gerade noch über einen Oberschenkel passte,
er hat mich dezent deprimiert. Gebe ich zu. Wenn auch nur kurz.

Voller Motivation also ab nach Facebook. Hier gibt´s Gruppen für alles?
Vom Fußpilz bis zum abgebrochenen Fingernagel wird einem geholfen.
Warum also nicht auch mir, dachte ich so.
Ein paar Erfahrungsaustausche und das Gefühl, nicht alleine zu kämpfen.
Und leckere Rezepte, die nicht nach Verzicht schmecken.

Als erstes musste ich feststellen, dass ich kein Deutsch konnte.
Xucker mit X. Muss ein Fehler sein, oder? Englische Tastatur und dann verrutscht.
Leider nein. Ich kann einfach kein Diät-Deutsch. Denn den gibt es.
Metabolismus, Detox, Grundumsatz, Formula, Glyx, usw. und so fort.
Zwei Wochen habe ich allein nur nachgelesen, wovon die Mitleidenden sprachen.
Jawohl Mitleidenden. Jubelrufe waren selten. Keiner war irgendwie zufrieden.

Dann beschloss ich, mich nur noch auf die Rezepte zu konzentrieren.
Ich öffnete also meinen Küchenschrank für Dinkelmehl und Xucker.
Und schloss ihn schnell wieder. Denn Abnehmen ist teuer.
Am sichersten nimmt man am Portemonnaie ab.
Eigentlich logisch: was man teuer bezahlt hat, um es auf die Rippen zu kleben,
sollte man genauso teuer auch wieder verlieren müssen. Strafe muss sein.

Immerhin, ich war immer noch willig. Habe mich durch Foren gelesen, nächtelang.
Und Menschen beobachtet. Menschen auf einer Mission gegen alles, was Spaß macht.
Nicht böse sein, ich kann nicht anders. Es ist mir wie eine zweite Haut.
Warum macht wer was warum und wie? Ich hinterfrage alles, selbst mich.
Es war schon merkwürdig. Ich habe ja oben erwähnt, dass nur wenige zufrieden waren.
Der Trend setzte sich fort. Wo immer ich hinkam, der gleiche Tenor:
“Ich habe jetzt 50 kg abgenommen, aber ich will 60. ” Oder:
“Ich habe vorgestern eine Pizza gegessen. Seit dem habe ich nicht mehr gesch… jetzt wiege ich 50 Gramm mehr. Wie kann das sein?”
Schlimm. Das zog mich herunter. Mehr noch als mein Jeans-Minirock.
(Nun gut, der wog aus Stoffmangel auch nicht so viel.)

Was mich dann aber wirklich aufregte, war ein Post, der mich erschreckte.
Falsch, dessen Antworten mich erschreckte. So muss das lauten.

Eine Dame meinte, sie würde jetzt nach Abnahme 65 kg wiegen und
wollte noch 10 weitere verlieren. Ihre Waage allerdings stockte und sie war verzweifelt.
Rasch kamen massenweise Tipps. Das aggressive Ping-Ping von Facebook ließ keine andere Beschäftigung mehr zu. Also wollte ich sehen, was da so megainteressant sein sollte. – Und habe alle Posts gelesen.

OMG.

Keiner, absolut keiner hinterfragte die Ausgangssituation.
Niemand wollte wissen, wie groß die Dame war. Wie sich das Verhältnis zusammensetzte, was sie vorher wog. Wieviel sie in welcher Zeit abgenommen hatte. Ob es realistisch war.
Wie alt war sie überhaupt?

Nun wusste ich aus eigener Erfahrung, dass 65 kg sehr schlank sein können.
(Oh schön war die Zeit. Da passte auch noch der Jeans-Mini!)
Und meine Gedanken waren bei der Posterin. Wer war sie?
War sie vielleicht nur 1,60m oder doch 1,80m?
Ich machte mir Sorgen, sie könne ins Untergewicht fallen.
Schlimmer noch: MAGERSUCHT
Denn wo ist die Grenze von schlank zu mager?
Wie lange ist Abnehmen gesund und ab wann wird man krank?

Ich musste eingreifen. Habe laut STOP gerufen und erstmal nachgefragt.

Und dann kamen die Shit-Posts!
Fast genau so viele wie vorher Tipps.
Ich war schlagartig der Anti-Christ der Abnehmgruppe.
Hallo? Geht´s noch? Was war mein Fehler?
Weil ich mir Sorgen um eine der ihren gemacht habe?

An dem Tag beschloss ich, mit etwas Speck auf den Rippen schlägt sich
mein Freund nicht die Knochen blau, wenn er mich umarmt.
Und das ist gut so.
In einer Gruppe zu sein, die sich so wenig um sich selbst kümmert,
und noch weniger auf andere Acht gibt, möchte ich nicht sein.
Niemals. Und niemals wieder.

Ich erklärte meinen Abschied, reimte das oben gepostete Gedicht und das war´s.
Und habe es nicht bereut.
(Und meinen Jeans-Mini hebe ich trotzdem auf. Er ist eine Erinnerung an eine andere Zeit. Nicht mehr und nicht weniger. Ohne Reue, ohne Depri.)

In diesem Sinne:
Man muss schon auf sich selbst aufpassen. Ein anderer wird es nicht tun.

Ich wünsche Euch einen entspannten Tag.

Reimereien — Zum Herbst

Gartensterne

Wenn Nächte länger werden und die Winde wehen,
Vögel nach dem Süden ziehn, ist es Zeit zu gehen.

Sagten sich die Sommerblumen. Keine ist mehr da.
Gingen schlafen in dem Boden bis zum nächsten Jahr.

Nur die Astern grüßen noch, so bockig trotzen sie
den Stürmen und der Kälte, schöner waren sie nie.

Ja der Herbst ist ihre Zeit, und er ist auch meine.
Keine Träne für den Sommer, die ich um ihn weine.

Wie die Astern freu ich mich auf die wilden Stürme,
Drachen steigen himmelhoch über steile Türme.

Ohne Wind, nichts wären sie. Kinderaugen lachen,
frische Luft, die Wangen rot, sie den Flug bewachen.

Bunt die Farben, letzter Gruß. Winter ist nicht ferne.
Umso mehr genieße ich, meine Gartensterne.