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  Türchen 11 -

Weihnachtszeit - Lichterzeit.

Lichter haben etwas Magisches. Umso mehr, wenn sie auf einmal nicht mehr da sind. Ich habe hier einige Gedanken skizziert, die ich gerne mit Euch teilen möchte:

Gedanken einer Nacht

Menschen irren verwirrt durch die dunklen Straßen.
"Hast du ...?" Sie blicken sich gegenseitig in die erschrockenen Gesichter. "Bei dir auch?"
Fremde kommen auf dich zu: "Wisst Ihr was?" und Erinnerungen werden wach. Erinnerungen an Bilder, die immer weit weg erschienen und nun doch so nah sind. Hautnah sozusagen.

In das geisterhaften Treiben der Meisten mischt sich hektische Betriebsamkeit von einigen Wenigen. "Da muss doch noch ..." "Ich hatte extra welche aufgehoben!" Ihr aufgescheuchtes Herumflattern wirkt auf die ängstlichen Gesichter in der Nacht nicht beruhigender. Eher das Gegenteil trifft ein. Man rückt zusammen wie eine Herde Schafe und versucht, in der Masse das Fremde, Unbekannte, das immer schon Befürchtete bekämpfen zu können. Mir was? Plüschpantoffeln?

"Wie lange wird es dauern?", ist die meistgestellte Frage der Nacht. Ja, wie lange ...?

Einige Tapfere versuchen sich mit Zweckoptimismus. "Ich gehe jetzt ins Bett und wenn ich wieder wach werde, ist alles vorbei." Merkwürdig, wie es an die Kindheit erinnert, als die Mutter das noch sagte. "Kind, schlaf erst einmal darüber. Morgen ist alles vorbei." Eine bessere Welt durch Ignoranz? Wird man so der Lage gerecht? Es fühlt sich falsch an. Doch was kann man machen ... kann ich machen?

Wohin ich schaue, sehe ich graue Gesichter. Einige Straßenlaternen senden noch ihr fahles Licht in die Nacht. Wie lange werden sie noch scheinen? Was, wenn sie ausgehen? Wer ist noch hier – an wen könnte man sich wenden, falls man Hilfe braucht? Wann kommt der Mob? Der muss doch kommen. Kennt man schließlich aus dem Fernsehen. Irgendwann kommt immer der Mob. Menschen rücken zusammen und nicht immer sind sie auf Hilfe aus.

Ein schnelles Drehen des Kopfes in alle Richtungen beruhigt latent. Die dort, die kenn ich, das sind meine Nachbarn. Die auf der anderen Seite kenn ich auch. Vom Sehen. Gesprochen habe ich noch nie mit ihnen. Wozu auch. Bis jetzt ... Aber wer ist das? Das Mädchen habe ich noch nie vorher hier gesehen. Wo kommt sie her? Was will sie? Und wen hat sie mitgebracht? Angst. – Angst hat sie mitgebracht. Als hätte man nicht schon ausreichend selbst hier in der Runde. Wir geben uns gelassen und sind es doch so wenig.

Unser Leben ist urplötzlich anders geworden. Wie wenn ein Schalter umgelegt wurde. Wann wird es wieder so sein, wie es zu Mutters Zeiten war? Warm, sicher, hell? Vermutlich nie. Ist man auf die Lage, sollte sie so bleiben, ausreichend vorbereitet? Ist ausreichend Wasser im Keller? Essen? Zu dumm, dass man den Gedanken an das Notstromaggregat nicht weiterverfolgt hat. Wenn alles wieder normal ist, muss man darüber unbedingt noch einmal nachdenken. Ach was! Nicht nachdenken ... handeln. Ja, handeln. Nichts ist schlimmer als zur Untätigkeit verdammt zu sein. Morgen gleich. Ach nein, da ist ja Sonntag ... aber übermorgen, wenn alles wieder normal ist.

Wird es das je wieder ...


... Bis der Strom wieder kam, waren wir uns alle etwas näher als sonst. Schon am nächsten Tag lief man wieder in den eigenen Spuren, schön neben den anderen. Selten kreuzten sich die Wege. Weihnachten kam, Weihnachten ging. Die Festbeleuchtungen in diesem Jahr unterschieden sich nicht von denen der vergangenen Jahre. Jeder blieb für sich.

Aber an Neujahr kam man wieder auf der Straße zusammen. Im Dunklen, den Blick auf die glitzernden Lichter am Himmel gerichtet, wurden Gläser gehoben, Hände geschüttelt, und es wurde angestoßen auf das neue Jahr. Die Erinnerung an die Zeit des Stromausfalls mochte nicht mehr jedem präsent sein, aber sie lebte in allen fort und verband Nachbarn, die sich sonst nie trafen.

Dies Silvester war wärmer als jedes bisher erlebte. Fast war ich dankbar für den kleinen Fehler im Umspannwerk, damals im August, als für circa eine Stunde um 23:34 Uhr in Bremen das Licht ausging.

Was ein kleines bisschen Licht in der Dunkelheit doch manchmal ausmachen kann.

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Zu diesem Text:

Inspiriert wurde ich zu dem Text in der Nacht des 03. auf den 04.08.2018,
als ein Stromausfall um 23:34 Uhr in Bremen die Lichter erlöschen ließ
für die Dauer von ca. einer Stunde.

Mit ihm möchte ich die Hoffnung in diese Welt schicken,
dass es nicht erst einen Stromausfall benötigt,
damit man seinen Nachbarn sieht.

Vielleicht trägt er ebenso zu einem Umdenken bei wie mein neuer Roman,
der voraussichtlich im Januar 2019 im JustTales Verlag erscheinen wird.
Auch dort geht es um Sehen und Gesehen werden.

Kommissar Michael Oder löst seinen zweiten Fall, nachdem er den
"Morgenmuffel" im November 2017 zur Strecke brachte.
Titel des neuen Kommissar Oder Krimis:

                                "Kein Erbe ohne Tod"

Vorankündigung und Termin zur offiziellen Buchpremiere findet sich hier.

Gartensterne

Wenn Nächte länger werden und die Winde wehen,
Vögel nach dem Süden ziehn, ist es Zeit zu gehen.

Sagten sich die Sommerblumen. Keine ist mehr da.
Gingen schlafen in dem Boden bis zum nächsten Jahr.

Nur die Astern grüßen noch, so bockig trotzen sie
den Stürmen und der Kälte, schöner waren sie nie.

Ja der Herbst ist ihre Zeit, und er ist auch meine.
Keine Träne für den Sommer, die ich um ihn weine.

Wie die Astern freu ich mich auf die wilden Stürme,
Drachen steigen himmelhoch über steile Türme.

Ohne Wind, nichts wären sie. Kinderaugen lachen,
frische Luft, die Wangen rot, sie den Flug bewachen.

Bunt die Farben, letzter Gruß. Winter ist nicht ferne.
Umso mehr genieße ich, meine Gartensterne.

  1. Herbststürme

"Schon wieder alles voll. Dabei war ich doch erst gestern dabei. Mist."
Nelli schnaufte genervt und griff nach dem Straßenbesen. So toll die Bäume auch waren, im Frühjahr brüteten die Vögel und machten ein Ausschlafen am Wochenende unmöglich. Im Sommer waren sie so dicht, dass es im Zimmer immer kalt war und im Herbst hatte man die Blätterflut. Liegenlassen konnte sie die nicht, dazu war die Rutschgefahr zu groß.

Sie hatte gerade die Hälfte der Blätter entsorgt, da setzte der Regen ein. Schnell sah sie sich um, aber das war noch zu viel, was da lag. Dann musste das eben warten. Lag sowieso schon viel zu lange hier rum.
Sie griff nach dem Eimer mit den bereits gesammelten Blättern, entleerte ihn schnell in der braunen Tonne, dann sah sie zu, dass sie ins Haus kam.

Drinnen schüttelte sie sich, dass die Tropfen nur so von der Strickjacke purzelten.
"Zeit für einen heißen Kaffee!"

Während der Kaffee leise durch die Maschine gurgelte und sein Duft die Küche durchzog, überlegte sie, was sie sich dazu Gutes gönnen könnte. Sie fand, es war Zeit, sich zu verwöhnen. Jemand anderes würde es ja nicht mehr tun. Markus war weg.

Normalerweise wäre das Kehren seine Arbeit gewesen, aber er fand immer Gründe, warum es gerade jetzt nicht sein sollte. In letzter Zeit immer öfter. Und sie war so blöd gewesen und hatte die Zeichen nicht gesehen. Dachte, er wäre überlastet. Na ja, war er ja auch. Irgendwie. Nur nicht mit ihr.
Jedenfalls hatte es immer öfter Ärger gegeben, weil er seine vereinbarten Pflichten nicht erledigte oder aufschob. Bis der letzte Knall alles geklärt hatte. Wutentbrannt hatte er seine Klamotten gepackt und ihr erklärt, er würde zu Sandra gehen. Seiner Ex. Die würde nicht so zicken. Da wäre ein Mann noch ein Mann.

An dem Punkt angekommen, beschloss sie, Waffeln zu backen.
Backen entspannte. Backen war Therapie gegen den Kloß Tränen in ihrem Hals, der sich festsetzen wollte und der das Schlucken schwer machte.
Als sich der Duft der frischen Waffeln mit dem Kaffee mischte, setzte auch die beruhigende Wirkung ein. Die erste Waffel verschlang sie wie ein Tier. Das tat so gut und schmeckte nach mehr.
"Essen ist wohl doch die Erotik des Alters", dachte sie sich schmunzelnd. Schnell waren die anderen Waffeln fertig. Und Markus vergessen.

Die Kaffeetasse in der einen, den Teller mit Waffeln in der anderen Hand, ging sie in ihr gemütliches Wohnzimmerchen und ließ sich auf ihrem altmodischen Sofa nieder. Eine Kerze stand noch auf dem Tisch. Die zündete sie an und genoss den warmen Schimmer. Es wurde schon früh dunkel, obwohl es noch nicht so spät war. Besser, sie machte die Rollos vor dem Fenster herunter, damit man nicht in ihr Zimmer sehen konnte.

Sie stand auf und griff nach dem Gurt. Ihr Blick schweifte noch einmal Abschied nehmend auf die untergehende Sonne vor ihrem Fenster und sie zuckte zurück.
Der neue Nachbar kam gerade nach Hause und blickte zu ihr hoch.
Hoffentlich hatte er sie nicht gesehen. Nachher käme er noch auf die Idee, sie könne die Straße ausspähen. Nicht auszudenken.

Sie ließ krachend das Rollo fallen und seufzte erleichtert. Jetzt konnte er ihr nichts mehr nachsagen. Gedankenverloren hielt sie noch immer das Gurtband des Rollos in der Hand.

Der Neue war schon ein Schnuckelchen. Wohlgebaut, leichte Strähnchen in den noch dunklen Haaren, die immer etwas wirr aussahen, als wäre er gerade nach einer heißen Nacht aus dem Bett gekrabbelt.

"Nelli, reiß dich zusammen. Du sabberst ja schon." Energisch riss sie sich zusammen und wollte gerade wieder an ihren Kaffeetisch, als sie einen leisen Aufschrei hörte.

"Autsch, verdammt!"

Das kam doch von draußen! Sie drehte sich um und zog vorsichtig das Rollo circa zwanzig Zentimeter wieder hoch und schielte, durch ihre Blumen geschützt, nach draußen.

"Ach du dicke Backe." Sie ließ das Rollo vor Schreck wieder herunterkrachen. Der Neue saß mitten in einer Pfütze auf dem Boden vor dem Haus und hielt sich schmerzverzerrt das Bein.

Ihre Schuld. Sie hatte die zusammengeschobenen Blätter zu seinen Füßen gesehen. Vermutlich war er auf ihnen ausgerutscht.
Das hatte sie nicht gewollt. Sie musste ihm helfen. Eilig griff sie sich den Schlüssel und huschte zur Haustür. Dabei überlegte sie krampfhaft, wie der Neue eigentlich hieß. Wie sollte sie ihn ansprechen?

An der Tür angekommen, hatte sie darauf immer noch keine Antwort. Egal, es würde ihr schon noch einfallen. Erstmal handeln. Fragen stellen konnte sie später.

"Kann ich Ihnen helfen?"

"Verdammte Blätter. - Ja, danke, wenn Sie mir aufhelfen könnten? Ich glaube, ich habe mir den Knöchel verstaucht. - Mann, tut das weh."

"Es tut mir leid. Ich wollte sie schon weghaben, aber der Regen ..." Sie wurde vor lauter Schuldbewusstsein immer leiser, bis ihre Stimme endgültig verstummte. Mit hängenden Kopf und eingezogenen Schultern lief sie die drei Stufen zu ihm herunter und griff ihm unter die Arme, um ihn hochzuziehen.
"Tolle Muskeln", schoss es ihr durch den Kopf. Irritiert schüttelte sie den Kopf und griff fester zu, um ihn aufzuheben.

"Autsch!"

"Entschuldigung!"

"Nein, nein, ist schon gut." Er kniff die Zähne zusammen. Sie sah es. Und fühlte sich noch beschissener.

Einen Arm um ihren Hals, die linke Hand auf dem Handlauf, krabbelte er die Treppenstufen hoch. Er musste sich schwer auf sie stützen. Aber sein Arm war kräftig und warm. So dicht war sie einem Mann seit Markus Auszug nicht mehr nahe gekommen. Es fühlte sich gut an. Ein leichtes Kribbeln machte sich in ihrem Magen breit, dass sie schon lange nicht mehr so empfunden hatte. Irritiert konzentrierte sie sich wieder auf ihre Hilfsaktion.

"Es tut mir leid. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes. Ich wollte die Blätter längst weggefegt haben, aber ich wurde vom Regen überrascht."

"Nein, ist schon gut. Ich hätte auch aufpassen können. Die Blätter waren ja gut zu sehen. Ich bin nur etwas mit dem Knöchel umgeknackst. Nicht weiter schlimm. Ich kenn das schon. Passiert mir immer wieder. Seit ich in der zehnten beim Fussball mir den Knöchel gebrochen habe."

Sie glaubte ihm kein Stück. Typische männliche Beruhigungstaktik. Sie fühlte sich schuldiger als zuvor. Da hatte er eine alte Knöchelverletzung und sie hatte es schlimmer gemacht.

"Kommen Sie doch erstmal zu mir. - Ich wohne in Parterre und habe noch einen Coolpack im Gefrierschrank. Der Fuß muss schnell gekühlt werden, sonst schwillt der so an, dass sie nicht mehr in den Schuh können."

"Danke. Aber Sie müssen sich keine Mühe machen. Das geht schon irgendwie."

Gelogen. Aber so süß gelogen.

"Keine Debatte. Ich kann Sie so nicht die Treppe hochkrabbeln lassen. Ich schulde ihnen zumindest ein Coolpack und einen heißen Kaffee. Waffeln habe ich auch noch."
Erstaunt über ihren Mut griff sie noch einmal fester um seine Rippen und zog ihn zu ihrer Eingangstür. Kein Gramm Fett. Ganz anders als Markus. Der hatte mit seinem ständigen Fast Food die letzten Reste seiner kaum vorhandenen Mukkis längst überlagert. Mehrfach.

"Waffeln? Da kann ich nicht nein sagen." Er lächelte unter Schmerzen. Ein bezauberndes Lächeln.

Sie spürte das Blut in die Wangen schießen. "Schnell wegsehen, bevor er es bemerkt", dachte sie und wurde trotzdem rot. Auch das noch.

Die Tür war etwas zu eng für beide. Sie musste sich dicht an ihn drücken, um hindurch zu kommen. Ein Schwall herbmännliches Rasierwasser kroch in ihre Nase. Lecker.

"Oh, das sieht aber gemütlich aus. Aber ich bin in eine Pfütze gefallen. Ich werde ihnen das Sofa total durchweichen!"

"Das macht nichts, aber ich hole Ihnen schnell ein Handtuch. Können Sie sich hier an der Lehne kurz festhalten, während ich das Handtuch hole?"

"Ja klar."

Sie huschte in ihr Schlafzimmer und griff sich das erste Handtuch, das sie erwischte, ohne lange nachzudenken. Dann eilte sie zurück zu ihrem Patienten. Sie breitete das Handtuch über ihren Lieblingsplatz und half ihm, dort Platz zu nehmen. Sie rückte noch ein Sesselchen in die Nähe und hob den geschädigten Fuß darauf.

"Einen kleinen Moment noch. Ich hole nur das Coolpack."

"Kein Problem. Ich bin hier gut aufgehoben." Sein anerkennender Blick schweifte durch die Wohnung und blieb an ihr hängen. Ihm schien zu gefallen, was er sah.

Sie flüchtete in die Küche und lehnte sich aufatmend an die Spüle. Die ganze Sache kam ihr so unwirklich vor. Da hatte sie sich erst vor einem Monat von Markus getrennt und schon hatte sie so ein Sahnestück auf ihrer Couch. Das würde ihr keiner glauben. Maria und Evelin schon gar nicht. Sie hatten sie immer wieder vor Markus gewarnt. Er sei ein Schmarotzer und ihrer nicht würdig. Wie recht sie hatten.

Was ihn an ihr gefallen hatte, war ihr schleierhaft.
Er hatte immer an ihrer Einrichtung herumgenörgelt. - Zu plüschig.
Ihr Essen hatte ihm nicht geschmeckt. - Zu grün.
Ihre Klamotten. - Zu wenig nuttig.
Na zumindest das hatte er jetzt nicht mehr. Seine Ex würde schon dafür sorgen, dass er im letzten Punkt nicht zu kurz kam.

Ihre Freundinnen hatten ihr ständig in den Ohren gelegen, sie solle sich unter den anderen Exemplaren der Spezies Mann umsehen. Jemand, der ihren Hang zur Gemütlichkeit auch schätzen würde. Irgendwann hatte sie nachgegeben und sich auf die Blinddates eingelassen, die ihr die Mädels vermittelten, doch die waren allesamt Reinfälle. Sie war wohl noch nicht bereit dazu. Das war´s.

Vorsichtig schielte sie um die Küchentür.

Er hatte es sich auf der Couch langgemacht und spielte gerade mit den Trotteln an ihren Kissen. Ein Buch, das sie noch schnell hinter dem Kissen versteckt hatte, als sie das Handtuch auf der Couch für ihn ausgebreitet hatte, fiel ihm in die Hände. Er las den Titel, dann legte er es auf die Ablage unter dem Couchtisch.
Oh nein. Ihren Schundschmöker musste er finden. Ausgerechnet. Wie peinlich. Sie wurde schon wieder rot.

Ab und zu gönnte sie sich eine Auszeit von der Fachliteratur, die sie sonst immer lesen musste, um auf dem Laufenden zu bleiben. Und genau diesen Roman ihrer Lieblingsschriftstellerin hatte er gefunden. Was er wohl von ihr denken mochte? Amanda Brown war der Inbegriff von Schnulze und damit höchst erfolgreich. Wäre es doch nur das Steuerhandbuch gewesen. Sie seufzte. Nichts zu machen. Jetzt war es zu spät, daran noch etwas zu ändern.

Er beugte sich zu den Blumen auf den Tisch und roch daran. - Ein Mann der Blumen mochte? Sie hatte gedacht, die wären ausgestorben.

"Wie heißen Sie eigentlich?  Wo ich schon hier ihre Couch belagere sollten wir uns vielleicht vorstellen. Ich heiße Thomas Weber und bin vor einem Monat im ersten Stock eingezogen."

Ertappt zuckte sie von der Tür zurück.

"Ich heiße Nelli. Nelli Schäfer. Und ich wohne schon immer hier." Sehr sinnig, wie geistreich  ... und wie langweilig! Sie schlug sich auf die Stirn.

"Hey Nelli. Danke für die Hilfe und das Handtuch."

Das Coolpack. Siedendheiß fiel ihr wieder ein, warum sie überhaupt die Küche betreten hatte. Sie griff sie es, holte noch schnell ein Geschirrhandtuch und wickelte den Kühlakku darin ein. Dann betrat sie mit dem Paket das Zimmer, in dem ihr Patient geduldig auf Hilfe wartete.

"Ah, das tut gut." Der Knöchel sah nicht gut aus. Er war schon leicht angeschwollen. Sie wickelte das Handtuch enger um die geschwollene Stelle und stammelte erneut eine Entschuldigung, als er leicht zusammenzuckte.

"Kein Problem. Wird sicher gleich besser."

"Kaffee?"

"Gerne. Und wenn ich darf, auch eine ihrer köstlichen Waffeln. So hat es immer bei meiner Mutter geduftet. Lecker."

Na toll, er verglich sie mit seiner Mutter.

Nelli flüchtete zurück in die Küche und griff nach dem Geschirr. Die Tasse klapperte vernehmlich auf der Untertasse, so zitterten ihre Hände. Noch einen Teller für die Waffel, einmal tief durchatmen, dann drückte sie die Schultern durch, hob den Kopf und betrat wieder das Wohnzimmer.

"Es ist nur ein Mann. Ein Patient. Reiß dich am Riemen", machte sie sich innerlich Mut. Sie lächelte ihn zaghaft an, als sie ihm die Tasse mit Untertasse reichte. Er griff mit seiner sehnigen Hand zu. Kein Ring. Gut.

Sie legte eine der Waffeln auf den Teller und stellte ihn vor Thomas auf den Tisch. Der griff beherzt zu und ließ ein anerkennendes "Mhhmmm" verlauten.

Schweigend genossen sie die Waffeln. Nelli schenkte ihm Kaffee nach. Er trank ihn in kleinen Schlucken und sie sah fasziniert zu, wie sich die Muskeln an seinem Hals beim Trinken bewegten. Seine Haut war noch vom Sommer leicht gebräunt. Das Karohemd im Holzfäller-Look stand ihm hervorragend. Dazu die braune Kordhose und die ebenfalls braunen Leder-Mokkasins. Sie kam sich in ihrer alten Jeans und dem noch älteren T-Shirt, das bei einer der letzten Wäschen eingegangen war und sich nun stramm um ihre Oberweite spannte, völlig unpassend gekleidet vor. Aber sie hatte ja auch nur Hausarbeit vorgehabt. Nichts hatte sie auf einen solchen Besuch vorbereitet.

"Schmeckt prima."

Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch.

"Danke."

"Ich hoffe, ich esse ihrem Besuch jetzt nicht die Waffeln weg?"

"Ich habe keinen Besuch erwartet. Die Waffeln waren nur für mich."

"Keiner, der einer so schönen Frau an einen solchen Abend Gesellschaft leisten will?

"Nein, keiner."

"Die Männer müssen blind sein. Was machen Sie sonst noch, außer hervorragend zu backen und gestrandete Männer zu retten?"

"Ach das sind doch nur Waffeln. Das ist nichts besonderes. Ich bin Buchhalterin."

Jetzt kam es gleich. Das höflich reservierte Zurückziehen jeglichen Interesses wie sonst immer. Sie kannte das schon und wappnete sich innerlich.
Doch halt! Das klang anders als sonst.

"Ein verantwortungsvoller Beruf. Ich bewundere meinen Steuerberater immer, wie er alles in die richtigen Bahnen lenkt. Ich habe da leider so garnichts mit am Hut."

"Was sind sie denn von Beruf?"

"Ich bin Schriftsteller. Zahlen sind nicht so mein Ding. Ohne mein Management wäre ich der meistgesuchteste Steuerbetrüger der Stadt." Er lächelte. Ein Lächeln, dass ihr die Knie weich werden ließ.

"Ach das ist aber interessant. Was schreiben Sie denn?"

"Lassen Sie uns doch duzen. Das "Sie" klingt so steif. Sag Thomas zu mir."

"Gerne, aber nur, wenn Sie Nelli zu mir sagen. Äh, ich meine, wenn "DU" Nelli sagst", verbesserte sie sich rasch.

"Hallo Nelli." Er reichte ihr seine Hand über den Tisch. Sie ergriff sie. Ein fester, warmer Händedruck. Er passte zu ihm.

"Thomas. Was schreibst du denn nun?"

"Jetzt wird es peinlich. Ich habe deine Bücher gesehen. Du liest Amanda Brown? Ich bin Amanda!"

"Wie?"

Sie starrte ihn verständnislos an.

"Amanda Brown. Ich bin Amanda. Sie ist mein Pseudonym."

"Aber sie schreibt Liebesschnul... Liebesromane!"

"Sag es ruhig. Liebesschnulzen." Er grinste spitzbübisch. "Ich bin nicht böse. Es ist ein gut bezahlter Markt." Er lachte. Ein ansteckendes Lachen. So ansteckend, dass sie automatisch mitlachen musste.

"Und du hast mich gerettet."

"Wieso habe ich dich gerettet?"

"Ich hatte eine Schreibpause. Eine Blockade. Aber ich glaube, sie ist heute zu Ende gegangen."

Er lächelte sie schmelzend an. Sie konnte nicht anders. Sie musste zurücklächeln.

"Ohne das Ende kein neuer Anfang. - Wozu nasse Blätter doch gut sein können ... Ich liebe den Herbst."

"Ich auch ..."