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Türchen 1 -

Ökologische Weihnachten

Mama hatte es beschlossen und erwartete Zustimmung. Generelle Zustimmung wohlgemerkt, schließlich war ‚DAS‘ eine gute Sache. Die ganze Welt war auf dem ökologischen Trip, nur in ihrer Familie wurde noch der Joghurt aus dem Becher gegessen … blamabel. – Und das als Elternbeiratsvorsitzende.

Erst neulich wieder, als die ‚Aktiven Mütter‘, die Verbindung der ‚Mütter-mit-Amt‘, sich bei ihr trafen, um den Weihnachtsbasar zu besprechen, hatte sie nur mit letzter Mühe verhindern können, dass Tamara ihren Kühlschrank öffnete und das ökologische Desaster zu sehen bekam. Undenkbar, hätte sie den Inhalt gesehen, die konnte doch die Klappe nicht halten. Die Chance auf den Titel als ‚Mutter des Jahres‘ hätte es dann wohl nicht mehr gegeben. Und das nach all der freiwilligen (und unfreiwilligen) Arbeit. – Na ja, war ja noch einmal gut gegangen, auch wenn Tamara sie etwas irritiert angesehen hatte, als sie sich in letzter Minute vor den Kühlschrank schmiss und mit atemloser Stimme anbot, Tamara einen grünen Smoothie zu mischen. Ein Angebot, das Tamara nicht ausschlagen konnte, ohne ihr eigenes Gesicht zu verlieren.

„Wie meinst du das?“, wollte Papa alarmiert wissen.

„Na, wie ich es sagte. Dieses Jahr gibt es keine Geschenke.“

„Ich hör wohl nicht richtig.“ Die Tochter schmiss sich auf die Couch, zog die langen Beine unter ihren Hintern und verschränkte die Arme. Protesthaltung pur.

Ihr Bruder krähte empört: „Ey, das geht nicht. Es ist doch Weihnachten. – Was sollen meine Freunde sagen.“

Papa brummte: „Und wie stellst du dir das vor? Weihnachten ohne Geschenke? – Ohne mich. Den Terror tu ich mir nicht an.“

Das waren nicht die Antworten, auf die Mama gehofft hatte,  aber wegen dem bisschen Gegenwind würde sie nicht aufgeben, also versuchte sie es anders.
„Ich mein ja nicht gänzlich ohne Geschenke.“ Papa entfuhr ein tiefer Seufzer, aber Mama war noch nicht fertig. „Wir basteln welche. Dann ist jedes Geschenk etwas Besonderes, etwas, das von Herzen kommt.“

Allgemeines Stöhnen, das Mama aber nicht kratzte. Sie packte die Reste des Abendessens zusammen und verschwand damit in der Küche. Papa folgte ihr mit einem einzelnen Teller, froh das Krisengebiet Wohnzimmer mit einem Grund verlassen zu können.

„Geschenke von Herzen? Aha ... Etwa so wie das Bild von deinem Sohn aus der 2. Klasse zum Muttertag?“, flüsterte er, damit die Kinder es nicht mitbekamen.

Sie wurde rot.

„Ach komm schon ... Es war ein Hundehaufen, den er zum Malen benutzt hat. Den konnte ich schlecht in die Schatulle legen“, wisperte sie zurück, vorsichtig über seine Schulter zur Tür spähend.

Die Schatulle war ein Schuhkarton, in dem sie für spätere Momente alle Bilder aufbewahrte, die ihre Sprösslinge je gemalt hatten. Begonnen hatte sie in dem Moment, als die Kinder die ersten Stifte halten konnten. Genauer gesagt war es die dritte Schatulle. Die ersten beiden vergammelten irgendwo auf dem Dachboden, weil sie die Schublade, in der sie stand, sonst nicht mehr hätte schließen können.

„Und der Handschuh aus der vierten Klasse von deiner Tochter?“

„Das war doch nur einer. Was soll ich mit einem einzelnen Fäustling?“

Den zweiten dazu stricken?, dachte sich Papa, behielt den Gedanken jedoch für sich, da er um Mamas handwerklichen Künste wusste.

„Ah ja.“ Papa nickte wissend und gab sich Mühe, sein Grinsen nicht zu zeigen. Sie hätte es sicher falsch verstanden. Wenn sie auf Missionskurs war, war mit ihr nicht gut Kirschen zu essen.

„Nun gut. Ich werde es überleben. – Aber weil wir schon bei den Geschenken sind: Was hattest du vor deiner glorreichen Idee als Geschenk gedacht? Weißt du, was deine Tochter sich wirklich wünscht? … Dein Sohn ist auf Nummer sicher gegangen und hat mich schon aufgeklärt.“

„Nein. Ich dachte an ein Buch von Greta. So ein Bildband von ihrer Reise zum Weltklimagipfel.“

„Bildband? – Ich dachte, sie wäre gut in Deutsch.“

„Ist sie auch, ich versteh nicht …“

„Na, seit wann ist Lesen aus der Mode gekommen? ... Ich wollte ihr eigentlich ein neues Mobiltelefon kaufen – sie wird ja immer mobiler – aber wenn du meinst … Schenken wir ihr lieber ein gutes Buch. Das ist auch günstiger. Das Geschenk für unseren Filius ist schon teuer genug. Was liest sie denn so?“

„Nichts. Leider.“

„Warum willst du ihr dann ein Buch kaufen?“

„Damit sie mehr liest. Lesen bildet.“ Sie wandte ihm den Rücken zu und schwieg. Nur ein kleines Achselzucken zeugte von ihrer Ratlosigkeit.

„Sicher, zumindest wird es sie nicht überfordern, wenn es ein Bildband ist?“, rief er ihre Entscheidung in ihr Gedächtnis zurück.

„Weißt du was Besseres?“ Ihr Ton klang schnippisch, so als hätte er den einzigen Plan zerstört ohne Alternative.

Mobiltelefone mochten problematisch sein, fand Papa, aber eins sprach für sie: „Immerhin könnten wir eine App installieren, damit wir wissen, wo sie ist, für den Fall, dass …“

Mama bekam Schnappatmung. „Auch noch Spionage? Als wäre ein Mobiltelefon nicht schon von sich aus verwerflich ... die Herstellung, der Gebrauch und die Entsorgung. Das geht gar nicht. Hast du nichts Umweltschonenderes?“

Papa zuckte mit den Achseln. Allmählich befürchtete er, die vielen Elterngruppen machten sich bei Mama bemerkbar. „Ist alles irgendwie politisch nicht korrekt, aber wir können sie ja fragen.“

„Oh, da kann ich dir jetzt schon sagen, was dabei herauskommt.“ Mama zog missbilligend die Luft an einer Seite des ansonsten geschlossenen Mundes ein, was ein unangenehmes Zischen gab.

„Ach ja?! Was denn?“ Papa war interessiert, was sich seine Kleine wünschte.

„Lippenstift, Eyeliner, Rouge, Makeup, Puder … willst du noch mehr hören? Nicht toll, aber zumindest können wir da auf Versuchstier-freie-Ware achten.“

Das hatte er nicht erwartet. „Schminke? Sie ist doch noch nicht so alt, dass …“ Sein Gesicht war ‚Entsetzen pur‘.

„Dreizehn ist sie. Fast vierzehn … Nicht erst, sondern schon. Nächstes Jahr ist Konfirmation, hast du das vergessen? Dein kleines Mädchen wird erwachsen. – Wusstest du nicht, dass sie bereits seit zwei Jahren ihrer Re…“

Er fiel ihr ins Wort. „Ja, ja, schon gut.“ Bloß nicht das böse Wort mit ‚R‘ hören. Das würde bedeuten, dass er bald die lüsternen Werwölfe an der Tür würde wegbeißen müssen. Schwere Aufgabe für einen verweichlichten Stubentiger, dem der Alltag die Zähne geraubt hatte.

Woran Sie nicht unschuldig war, dachte er, und sein grimmiger Blick folgte der Frau, die jetzt gelassen die Wäsche zusammenlegte.

Er machte sich nichts vor. Seine besten Tage hatte er in irgendeiner vollgeschissenen, stinkenden Windel nachts zwischen drei und vier Uhr verloren, als sie sich auf die andere Seite drehte und genüsslich schnarchte, weil er die nächtliche Windelschicht hatte. Kurz schoss ihm durch den Kopf: Wer ist damals eigentlich auf die bescheuerte Idee gekommen, die Nächte aufzuteilen?  Er hatte es vergessen.

Doch jetzt trauerte er den Minuten hinterher, in denen er seine Kinder nach dem Windelwechsel noch in den Armen schaukelte, bis sie wieder eingeschlafen waren. Diese Minuten hatten nur ihm gehört, ihm und seinen Sprösslingen. Er hatte jede Minute genossen, ihren Flaum auf dem Kopf vorsichtig mit einem Finger gestreichelt und die weiche Haut gespürt, zugehört, wie sie atmeten. Wenn sie sauber waren und lecker nach Kinderbrei und Babycreme rochen ... Er seufzte.

„Jetzt schon? Ok, Schminke muss wirklich nicht sein. Da gebe ich dir Recht.“ Er griff nach der Tageszeitung und gab sich gelassen, auch wenn er das bei Weitem nicht war. Er gab es nur ungern zu, aber seine Frau hatte ihn erschreckt.
„Was bin ich froh, dass wir bei unserem Sohn noch etwas Zeit haben.“ Papa betete still um Zeit. Lass sie bitte noch ein wenig Kind sein. Frau wird sie noch viel zu früh, führte er den Satz in Gedanken weiter.

Das Gespräch nahm einen unangenehmen Verlauf, da konnte er auch wieder zurück zu seinen Nachkömmlingen. An der Bar goss er sich mit einer Hand ein Glas Rotwein ein, das er zu seinem Lieblingssessel mitnahm. Das Glas in der einen Hand, die Zeitung in der anderen, sank er in die weichen Lederpolster, hoffend, dass er notfalls am Glas nippen konnte, falls man eine Antwort von ihm erwartete.

Er ließ die Zeitung sinken, als seine Frau ins Zimmer kam.

„Und, wie war euer Tag?“

„Mama hat mich heute zu einem Hautarzt gezerrt.“

„Und was hat er gesagt?“

„Pubertät.“ Seine Tochter verzog angeekelt das Gesicht.

„Da muss man durch. Jeder muss da durch“, ergänzte Mama. „Sie hat eine Tinktur bekommen, damit muss die Haut beträufelt werden. Dann wird das schon.“

„Welche Haut? Das kleine rosa Stück zwischen all den Kratern? Da musst du aber gut zielen“, kicherte ihr Bruder.

„Aarg, du kleine miese Ratte.“ Seine Schwester schnappte sich ein Kissen und wollte ihm an den Kragen. In letzter Minute fing Mama sie ab, bevor sie ihrem Bruder die Luft abdrücken konnte.

„STOP. Schluss jetzt. Wir haben WEIHNACHTEN, schon vergessen? – Entschuldige dich bei deiner Schwester. SOFORT … und du“, sie wandte sich an ihre Tochter, „… es ist dein Bruder. Wir sind eine Familie. IST DAS KLAR?“

Zweifaches geknurrtes Gemurmel. Nur widerstrebend trennten sich die ‚liebenden Geschwister‘. Gegen Mamas Argumente war selten ein Kraut gewachsen.

Papa grinste seinen Sohn an: „Ich wäre an deiner Stelle vorsichtig. In ca. fünf Jahren ist es bei dir so weit.“

„Niemals. Ich bin doch ein Mann.“

Steilvorlage. „Sagen wir mal so: Du willst mal einer werden, aber mit solchen Sprüchen wirst du das Alter wohl nicht erreichen“, fauchte seine Schwester.

Papa fing einen bösen Blick von Mama auf. Mach was, sprich ein Machtwort. Jetzt bist du dran, hieß das. Er seufzte, nahm einen Schluck Wein, um noch etwas Zeit zu gewinnen, dann ergab er sich in sein Schicksal.

„Wie hast du dir denn nun Weihnachten vorgestellt?“, wollte er von Mama wissen.

„Danke, dass du fragst. Also: Wir basteln unsere Geschenke. Es werden Lose gezogen, wer wen beschenkt. Das Geschenk darf nur aus recycelbaren Materialien bestehen. An Weihnachten werden die Geschenke prämiert.“

Papa beobachtete interessiert die Gesichter seiner Familie. Mama brannte für ihre Idee. Man konnte es an ihren roten Wangen sehen. Seine Kinder lümmelten gemeinsam auf der Couch, jeder in seiner eigenen Ecke, bis das Wort ‚prämiert‘ fiel. Förmlich wie ein Ruck zog Spannung in die gelangweilten Körper.

„Ein Geschenk?“

„Was denn? Irgendwas Tolles?“

„Der Gewinner darf sich ein Essen aussuchen.“ Zack, die Antwort hatte den Stöpsel gezogen, man konnte förmlich die Spannung wieder flüchten sehen. Fehlte nur noch, dass es auch noch zischte, so schnell fielen die Körper wieder zusammen.

„Echt jetzt? Och Mensch.“

„Das wird ganz toll!“ Mama versuchte es erneut, aber ihre Begeisterung verpuffte.

Papa griff ein. „Dann eben das ekeligste Essen und wer gewinnt, bestimmt, was es ist, muss es aber nicht essen.“

„Papa, das geht nicht.“ Mama war entsetzt. „Hast du vergessen, dass meine Eltern kommen?“

„Na prima. Für die wird das Essen dann keine Überraschung sein.“ Das Kissen, das Mama ihrer Tochter abgenommen hatte, flog in Papas Richtung. Geschickt fing er es ab, wenn auch das Glas Rotwein bedenklich wackelte. Für seine Kinder allerdings war er der Held. Das galt es zu nutzen.

„Lasst es uns doch einfach probieren. Gebt Mama eine Chance.“

„Aber nicht mit miesem Essen. Weihnachten ohne Geschenke ist so schon ätzend genug“, schlug seine Tochter vor und ausnahmsweise hatte sie die volle Zustimmung von ihrem Bruder.

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Als Papa abends seinen Wecker stellte, während Mama sich an ihrem Schminktisch eine dicke Schicht Nachtcreme auf das Gesicht schmierte, kam er noch einmal auf das leidige Geschenke-Thema zurück.

„Du willst das also echt durchziehen?“

Mama nickte, weil sie nicht sprechen konnte, ohne die Creme zu verwischen.

„Weißt du, was er sich wünscht?“ Sie schüttelte ihren Kopf. „Eine Bat-Höhle mit Cave. Voll ausgestattet mit Batmobil und so.“ Stolz berichtete er: „Ich habe auf dem Heimweg schon einmal im Laden vorgefühlt, nicht dass das Ding dann ausverkauft ist. – Ist ganz schön teuer, aber die Konfirmation wird auch teuer. So hat er etwas Ausgleich, findest du nicht?“

Ruckartig flog ihr Kopf zu ihm herum, und sie vergaß die Creme.

„Als wüsste er, was das kostet, geschweige denn, was Geld ist und wie schwer es erarbeitet wird. Sein Geburtstagsgeld ist im Eissalon und bei anderen zahnschädigendem Klebzeug verschwunden.“ Sie schnaufte verächtlich, dann fuhr sie fort: „Du warst schon in dem Laden? Ohne mich? … Dann ist das ja noch wichtiger, dass wir dieses Jahr Weihnachten ein Zeichen setzen.“ Die Bewegungen, als sie sich die Creme vom Gesicht wischte, ließen nichts Gutes ahnen. Papa wappnete sich gegen Mamas Angriffen, die auch nicht lange warten ließen …

„N-i-e-m-a-l-s, nur über meine Leiche. Das Ding ist Vollplastik der schlimmsten Sorte. Voll mit Farbstoffen.“

Papa grätschte ein: „Na ja, ist aus Erdöl gemacht, und das ist fast schwarz. So viel Farbe braucht es da nicht mehr.“ Dann duckte er sich blitzschnell hinter seinem Arm, denn Mama hatte ihre Haarbürste voll Zorn in seine Richtung gepfeffert.

„Sag mal, geht´s noch? Was hast du denn für ein ökologisches Gewissen?“ Sie schnaufte wie ein Stier durch die Nüstern. „Liest du nur die Witzseite von deiner Zeitung? Überall ist Plastik drin. Jetzt auch in uns. Da lass ich doch meine Kinder nicht noch zusätzlich mit dem Giftzeug spielen!“

„Dann eben Lego.“

„Auch Plastik.“

„Quatsch Plastik. Das ist kreativ.“

„Um kreativ zu sein, muss man nicht mit Plastik spielen. Ich will nicht, dass sich noch mehr Plastik in meinen Kinder anreichert.“

Papa konterte. „Nun, aus dem Alter, in dem sie Legobausteine verschlucken, sind sie garantiert raus. Zumal die selbst mit Apfelsaft verdammt schwer runter zu bekommen sind. – Ich habe meine ganze Kindheit mit Lego verbracht. Jetzt bin ich Ingenieur und baue in echt, was ich früher mit Lego gebaut habe. – Und ich lebe immer noch.“

Mama warf einen mitleidigen Blick auf Papas Glatze und meinte nur lakonisch: „Vielleicht hättest du nach der Hälfte aufhören sollen.“

Autsch, das saß. Papa griff sich erschrocken an die Stelle, von der er geglaubt hatte, es hätte noch keiner gemerkt, dass dort sein Haar dünner wurde. Mama grinste.

„Und überhaupt: Da sind Waffen dran. Keins meiner Kinder spielt mit Waffen.“

„Waffen? Jetzt mach mal halblang. Das ist etwas gefärbtes Plastik an einem Auto. Ein Kinderspielzeug.“

„Daaaaaaas …“, Mama zog bewusst das A sehr lang, „... im Film und in der Wirklichkeit zum Töten geschaffen wurde. Promilitaristisch.“

„Wenn du so denkst, dann dürftest du auch nicht mehr mit deinem Auto zum Bio-Supermarkt fahren. Die potenzielle Kampfmaschine.“

„Wieso? Es ist doch nicht mal ein SUV!“

„Rennsemmel bleibt Rennsemmel.“

„Ach, und wer schleppt das Gemüse nach Hause?“

„Also von mir aus können die 3-K gerne im Laden bleiben.“

„3-Was? Ich kauf keine Plastikreiniger.“ Mama guckte Papa irritiert an.

„Nicht 3-M … ich mein die 3-K … Kohl, Karotten und Kartoffeln. Endlich mal wieder ein Stück rotes Fleisch wäre mir allemal lieber. Da kann man auch nichts kaputt kochen.“

„Oh du … “ Ein Kissen flog der Bürste hinterher. Aber der Effekt gefiel ihr nicht. Hektisch sah sich Mama um auf der Suche nach etwas mit mehr Gewicht. Langsam gingen ihr die passenden Wurfgeschosse aus. „Ich gebe mir wirklich Mühe. Was kann ich denn dazu, dass meine Mutter uns wegen ihrem Job mit Fastfood großgezogen hat. Meine Kinder sollen es mal besser haben.“ Ihr kamen die Tränen.

Papa stand auf und nahm sie in den Arm. „Ach Schatzi, das weiß ich doch.“ Sie schluchzte kurz auf und kuschelte sich in seinen Arm. Papa strich ihr beruhigend den Rücken, bis die Geräusche leiser wurden. Dann schob er sie etwas weg, hielt sie aber an den Armen und wartete, bis sie hochblickte.

„Sieh mal, die Erde wurde auch nicht an einem Tag erschaffen. Geh´ es langsamer an.“

Mama nickte. Und Papa hoffte.

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Das Thema Geschenke wurde nicht mehr erwähnt. Mama wusste auch so die Familie zu beschäftigen. Das ganze Haus wurde geputzt und auf Vordermann gebracht.

Als Weihnachtsdeko bestand Mama auf recycelbaren Materialien. Das trieb teilweise seltsame Triebe. So waren die Eiszapfen an der Haustür dieses Jahr aus Bio-Karotten, die in Eischnee getaucht und mit Kokosraspel bestreut wurden. „Die kann man immer noch abknabbern und in einer Suppe verarbeiten.“

Sofort beschwerte sich ihre Tochter. „Ih, bäh. Ich ess doch keine Suppe, die der da …“, ihr Finger zeigte auf ihren Bruder, „… schon angelutscht hat.“ Sie erntete einen bösen Blick von Mama und eine herausgestreckte Zunge von ihrem Bruder.

Auch die Aktion mit den alten Kleidern war nicht ganz stressfrei.

Mama hatte beschlossen, alte Kleider der Sammelstelle für Bedürftige zu spenden. Als gerade eben ein halber Jutesack, überwiegend mit Mamas zu heiß gewaschenen und nun verfilzten Wollpulli gefüllt, dabei herauskam, ordnete Mama eine Schrankbesichtigung an. Und dabei fand sie das funkelnagelneue, hauchdünne Top mit den Glitzersteinchen auf den Spaghetti-Trägern, bestehend aus 100 % künstlichen Garnen.

Es war schwer zu sagen, was mehr für Mamas Empörung sorgte: die Kunstseide oder das leicht nuttige Aussehen.

„Meine Tochter trägt so was nicht.“ Mit spitzen Fingern hielt Mama das neckische Teilchen hoch.

„Trägt sie doch! Gib das her! Das habe ich von meinem Taschengeld gekauft.“

„Dann müssen wir wohl die Höhe noch einmal überdenken.“

Ups. Betretenes Schweigen. Dann ein neuer Versuch zu retten, was zu retten war.

„Aber das tragen alle.“

„Sind wir alle? Nimm dir ein Beispiel an Greta. Die trägt nur Wollsachen.“

„Dann war der Anorak auf dem Boot, mit dem sie nach Amerika gereist ist, also gehäkelt? Das glaubst du doch selbst nicht.“

„Das Ding kommt weg. Basta.“

„Du bist so was von gemein.“

Die Tür vom Badezimmer knallte ins Schloss und öffnete sich erst wieder, als der Geruch von Mamas leckeren Friedenskeksen - die einzige Art, wie Müsli auch schmeckte - durchs Haus waberte.

Papa hatte das Drama nicht mitbekommen, da er auf der Arbeit war. Abends vor dem Zubettgehen zeigte Mama ihren Fund und erwartete Bestätigung.

Er kam näher, nahm sie in den Arm, lächelte und meinte: „Hmm, kein schlechter Geschmack, das muss ich sagen … Das würde dir bestimmt gut stehen. Zieh doch mal an.“

Mama boxte spielerisch auf seine Brust und versuchte ein ernstes Gesicht. „Aber …“, wollte sie protestieren. Sie kam nicht weit.

„Doch wirklich, das erinnert mich an das Teil, das du bei unserem ersten Kennenlernen trugst. Damals in der Disco …“

Es wurde eine kurze, aber sehr schöne Nacht.

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Weihnachten rückte immer näher. Man spürte die Hektik überall. Es wurde noch einmal die Parole ausgegeben, Geschenke nur zu basteln. Kurz darauf verschwanden Küchenrollen und Klopapierrollen auf wundersame Weise. Leider traf es Papa; und er hatte die Wahl zwischen Politik und Sportteil. Er entschied sich für die Politik, da sich dort am wenigsten änderte und sie von Natur aus für den A… war, wie er fand.

Als er fertig war, bot er freiwillig an, in den nächsten Laden zu fahren und das Haus wieder vollständig einzudecken. „So was passiert mir nie wieder. Wie haben die das früher nur gemacht, und wie haben sich die Nichtleser beholfen? Mit Blättern?“

„Gute Idee!“, fand Mama. „Am Wochenende gehen wir in den Wald.“

„Was willst du denn da? Jetzt sag nicht, Blätter für unsere Toilette … Wirklich, da bin ich raus.“

„Nein, Moos, Rinde, Kastanien und Eicheln sammeln. Für unsere Krippe.“

„Welche Krippe? Wir haben keine.“

„Eben. Daher machen wir uns eine.“

Papa schwante Übles, aber er griff sich den Autoschlüssel und sorgte erst einmal umgehend für Toilettenpapier.

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Wider Erwarten war der Spaziergang dann doch geruhsam und erfrischend. Das Wetter spielte mit. Es war fast warm für Dezember, was Mama wieder auf den Klimawechsel brachte. Papa war nur froh, dass es nicht regnete.

Mama wählte den letzten Advent, damit die Krippe auch lange hielt. Die Kinder machten einen Wettkampf daraus, wer die besten Materialien fand. Erstaunlicherweise hatten sie sogar mehr Energie als die Erwachsenen, die sich nach dem Blechkuchen und dem heißen Kakao mit Sahnehaube sehnten, den es in dem Ausflugslokal gab. Mit dem heißen Getränk in den Händen hatte sogar Mama keine Lust mehr, über die Ökobilanz von importiertem Kakao nachzudenken.

Zu Hause angekommen, luden sie ihre gesammelten Schätze auf den Tisch, unter den Mama eine dicke Schicht von Papas Sportteil gelegt hatte. Da die Stimmung gut war, sparte sich Papa den Protest. Er hoffte, wenn die Bastelei fertig war, würde er die Ergebnisse der Regionalliga noch finden. Er hoffte vergebens. Am Ende der Familienaktion klebte alles miteinander, dass Mama die Krippe aus dem Papier regelrecht herausschneiden musste. Aber sie war toll geworden. Richtig toll. Das fanden sogar die Kinder.
Die Wände hatten sie mit dünnen Ästchen gewoben. Das Dach bestand aus Rinde, Ochs und Esel waren aus Kastanien und Eicheln, einige Bäume wurden von zusammengebundenen Tannenzweigen dargestellt. Nur das Jesuskind fehlte. Keinem kam eine Idee, wie man ein Jesuskind bastelte, das nicht einen Kopf wie ein Esel hatte, also blieb die Krippe leer.

Die frischen Tannenzweige regten noch einmal Mamas Widerstand.

"Das ist Baumfrevel. Der Baum blutet. Muss das sein? Und überhaupt: Jesus kannte keine Tannenbäume."

Das wurde jedoch einheitlich als künstlerische Freiheit weggefegt. „Der kennt alles, da wird ihn ein Tannenbaum nicht irritieren.“ Mama wollte noch etwas sagen, aber das Ergebnis sah dann so gut aus, dass sie darauf verzichtete. – Vielleicht war daran auch der Glühwein schuld, dem sie im kalten Wald ordentlich zugesprochen hatte. Papa umarmte Mama und sah ihr in die glänzenden Augen und hauchte: „Zufrieden, Schatz?“ Und Mama nickte.

Die Kinder wandten sich gespielt angeekelt ab. Sohnemann machte noch einige schmatzenden Geräusche, dann stürmten sie die Küche und dort die Keksdose, und es war wirklich Frieden auf Erden. Zumindest in ihrem kleinen Vorstadtreihenhaus.

==|==

Alles war vorbereitet, Heilig Abend konnte kommen. Fehlten nur noch die Großeltern, die versprochen hatten zu kommen. Mama hatte ihre Mutter daher schon Anfang Dezember angerufen und über ihre Pläne zur ökologischen Weihnacht informiert. Es sollte also klappen.

„Ihr versteht das schon? Und du informierst auch Papa?“

„Sicher Kind, ich sage ihm Bescheid.“

Etwa pikiert wirkte Mamas Mutter zwar schon, aber das würde schon werden. Schließlich, davon war Mama überzeugt, musste es jedem Erwachsenen einleuchten, dass man der Zukunft etwas schuldig war. So legte Mama auf und vertiefte sich in das Kochbuch, dass sie extra für Weihnachten gekauft hatte. Dieses Jahr sollte es klappen. Sie wollte sich nicht blamieren.

„Willst du dir das wirklich antun? Essen für sechs Personen ist nicht ohne.“ Papa wirkte besorgt.

„Hmm.“

„Soll ich nicht doch …“

„Scher dich aus der Küche. Ich pack’ das schon. Wäre doch gelacht!“, knurrte Mama.

Papa bemerkte, dass die Küche ein Minenfeld war und verzog sich ins Wohnzimmer. Besser man störte nicht, wenn Mama so drauf war.

Drei Tage dauerte die Klausur, dann verkündete Mama: „Ich hab’s.“

„Und was gibt es?“

„Veganen Weihnachtsbraten mit Rotweinsauce, Polenta-Talern und Algensalat.“

„Veganer Braten?“ Papa sah Mama misstrauisch an. „Aus was besteht der denn?“

„Leinsamen, Kidneybohnen und Haferflocken.“

Papa schüttelte sich. „Wie bist du denn auf die Idee gekommen? Kann man das überhaupt essen?“

„Na hör mal! Das Rezept haben sie im Fernsehen bei ‚Volle Kanne‘ gezeigt. Ist echt ganz einfach. Und ich kann es vorbereiten. Das muss dann nur noch über Nacht in den Kühlschrank, damit es fester wird. Am Heiligen Abend brauch ich es nur noch aufbacken. – Voll easy. Ein Rezept für jeden.“

Papa rümpfte eine Augenbraue, verkniff sich aber jeden Kommentar.

Mama nahm sich die Schlüssel von der Kommode im Flur und verzog sich, um die Zutaten einzukaufen. Kaum zurück, vergrub sie sich in der Küche und kam erst zwei Stunden später wieder zum Vorschein. Bester Laune hatte sie nicht mal etwas dagegen, als die Kinder zu ‚Magic Burger‘ wollten, damit sie, wie sie sagten: „… wenigstens etwas Vernünftiges im Magen haben, um Weihnachten zu überstehen.“

Am nächsten Tag waren die Großeltern da. Nach der Begrüßung verkündete Mama: „Erst wird gegessen, dann kommen die Geschenke.“

Oma und Opa sahen sich an, dann kam wie aus einem Mund: „Du kochst?“

Alle Blicke flogen zu Mama. Die reckte sich zu ihrer vollen Größe von 1,65 m, hob das Kinn und meinte nur: „Selbstverständlich.“

„Ach Kind. Wir sind schon satt. – Wir wollten dir nicht so einen Umstand machen, also haben wir auf der Hinreise schon eine Kleinigkeit gegessen. Für uns musst du nicht so viel machen!“

„Aber ich habe extra ein neues Rezept ausprobiert.“ Mama klang enttäuscht.

Wieder tauschten Oma und Opa einen Blick, dann brummte Opa: „Eine Kleinigkeit werden wir schon runterkriegen.“ Oma nickte bestätigend und Mama wirkte etwas beruhigt.

„Kommt erst mal ins Wohnzimmer. Cognac zum Aufwärmen?“

Der Tisch war schon gedeckt. Eine halbe Stunde später stand das Essen auf dem Tisch. Den Algensalat hatte Mama bereits fertig eingekauft, die Polenta war eine Blitz-Variante ohne Kochen. Nur heißes Wasser zum Quellen. Kein Problem also. Fehlte nur der vegane Braten.
Auf den ersten Blick sah er gut aus. Als Papa ihn jedoch anschneiden wollte, hüpfte er wie ein Karnickel auf der Flucht über die Tischdecke und hinterließ eine Spur der Verwüstung. Die Rotweinsoße bildete einen See, rotbraun wie nach einem Erdrutsch, die Schale mit dem Algensalat wackelte und gab ihren Inhalt frei, der sich, einer Uferböschung gleich, verteilte, und der Braten kam mittig zum Liegen. Alles in allem eine idyllische Landschaft. Die hätte dem Jesuskind bestimmt auch gefallen.

Mama war den Tränen nah. Der Rest guckte erst erschrocken in die Runde, dann fingen die Kinder an, schallend zu Lachen. – Papa erholte sich als Erster. Er griff beherzt zu, zwang den Braten wieder auf seinen Teller und versuchte es erneut. Nur leider kam er wieder nicht an eine Scheibe, aber fand des Pudels Kern, bzw. des Bratens Kern.

„Der ist eiskalt. Wie innen gefroren.“

„Das kann nicht sein, ich hatte den eine halbe Stunde im Backofen.“

„Hast du auch die Temperatur eingeschaltet?“

Mama runzelte die Stirn. „Natürlich.“ Aber sie traute dem Braten nicht. Voller Ahnung huschte sie in die Küche und kam nicht wieder.

Alle sahen sich betroffen an.

Papa folgte Mama und fand sie als heulendes Elend vor dem Ofen kniend. Ein Blick und er wusste warum.

„Ich habe doch a-a-alles nach Anleitung gemacht. Extra stundenlang gekühlt und dann in den Ofen.“

„Wo hast du ihn gekühlt?“

„Na im Tiefkühlfach. Ich hatte keine Zeit mehr, um ihn 24 Stunden im Kühlschrank ziehen zu lassen, und im Tiefkühlfach geht es schnelle-e-er.“ Mama schniefte.

Aha, das war wohl zu lang gewesen. Der Ofen konnte das nicht mehr ’rausreißen, zumal Mama die Temperatur vergessen hatte. So hatte er nur kalte Luft über den Braten gepustet.

Papa griff nach einem Küchentuch und reichte es Mama. Sie putzte sich laut prustend die Nase, dann ließ sie sich von Papa wieder aufrichten, lehnte sich an den Küchenschrank, aber der Kopf hing tief auf ihrer Brust, während sie leise weiter schluchzte. Er nahm sie in den Arm und barg ihren zuckenden Kopf an seinem weißen Hemd.

Was soll’s, wenn nachher Flecken ihrer Wimperntusche daran sind, dachte er sich. Mama ging vor. Er liebte sie, wie sie war, auch wenn das hieß, nicht immer – eigentlich nie – ein 5-Sterne-Menü zu bekommen. Plötzlich spürte er weitere Arme um Mama und sich. Die Kinder waren in die Küche gekommen, um Mama zu trösten. Dann kamen Oma und Opa. Auch sie umarmten Mama, die kaum noch in dem Menschenknäuel zu sehen war.

„Rudelkuscheln“, krähte der Sohn. „Au ja, Rudelkuscheln“, fiel die Tochter mit ein und alle lachten. Selbst Mama verzog das Gesicht zu einem Lächeln und wischte sich die Tränen ab.

Opa strebte zur Hausbar, holte ein großes Glas, füllte es mit einer bernsteinfarbenen, klaren Flüssigkeit und gab dies Mama. „Runter damit“, befahl er. Mama schluckte und musste husten. „Alles ... Das ist Medizin.“

Mama ergab sich. Sich schüttelnd tat sie wie geheißen. Der Cognac zauberte ihr eine leichte Röte ins Gesicht. Dann übernahm Papa das Regime. In kürzester Zeit hatte er die Kinder zum Aufräumen verdonnert. Dann verschwand er kurz im Keller und kam mit seiner Geheimwaffe wieder.

„Ist gut mein Schatz. Ich übernehme jetzt. Ruh dich aus. Gleich gibt’s Essen.“ Damit schob er Mama ins Wohnzimmer und verschloss die Tür zur Küche. Kurze Zeit darauf duftete es köstlich, dass sich fünf Nasen in seine Richtung drehten.

„Ente?“

„Ja Ente.“

„Aber …“

Papa war auf Nummer sicher gegangen und hatte beim großen Einkaufstrip vor den Feiertagen eine fertige Ente besorgt, die bereits in handliche Teile zerlegt und gebraten war, und diese in einem unbeobachteten Moment im Keller eingefroren. Eigentlich sollte sie für den zweiten Feiertag sein, denn er wollte nicht auf seine Ente verzichten, aber das hier ging vor. Kurz in die Mikrowelle, dann im Ofen knusprig überbacken, dazwischen die Fertigknödel ins Wasser, ein Glas Rotkraut aufgewärmt und fertig war das Menü. Den veganen Braten versteckte er in einer Brottüte, damit Mama den nicht mehr sah, und entsorgte ihn auf dem Komposthaufen.

Sicher war sicher.

Es war ein tolles Essen. Auf einmal hatten selbst Oma und Opa wieder Hunger und die Schüsseln wurden ratzeputz leer gegessen. Als sie sich alle die vollen Bäuche rieben, wurden die Kinder unruhig.

„Die Geschenke, was ist mit den Geschenken?"

Die Erwachsenen hatten ein Einsehen, unterbrachen ihre Verdauungspause und gaben nach. Schnell waren die Geschenke verteilt und wurden ordentlich bewundert.
Sohnemann hatte für Papa einen Roboter aus Papprollen gebastelt, was erklärte, weshalb Papa noch einmal hatte einkaufen fahren müssen. Mama hatte Socken für Sohnemann mit einem Logo seines Lieblingsfußballteams gestrickt, eine echte Meisterleistung für sie. Töchterchen hatte einen Blumentopf mit Serviettentechnik für Mama verziert und Papa eine Kette aus Silberdraht für seine Tochter gebastelt. Und von den Kindern kamen noch Topflappen für die Großeltern.

Fehlten noch die Geschenke von Oma und Opa. Erwartungsvoll sahen die Kinder zu ihnen auf. Opa ging an den Wagen und kam mit vier Geschenken wieder.

„Und das ist von uns“, meinte er lächelnd und setzte sich zu Oma auf das Sofa.

Papa erhielt eine gute Flasche Rotwein, die er sofort öffnete und Oma und Opa auch ein Glas einschenkte.

Als die Kinder ihre Geschenke öffneten, mussten alle ihre Gläser festhalten. Das Geschrei war ohrenbetäubend. Töchterchen erhielt ein Mobiltelefon in Pink, ihrer Lieblingsfarbe, Sohnemann sein geliebtes Batcave mit allem Drum und Dran.

Mama blickte strafend von Papa zu ihren Eltern und zurück.

„Das haben sie doch von dir!“

Papa grinste zufrieden, schwieg aber.

„Ihr habt doch gesagt, ihr schenkt nichts, was nicht ökologisch ist.“

Oma griff ein: „Falsch. Ich habe nur gesagt, ich werde es deinem Vater ausrichte. Es war nie die Rede davon, dass wir uns daran halten.“

„Aber ...“ Mama stutzte. Das war wohl wahr, musste sie sich eingestehen.

Oma streichelte besänftigend Mamas Arm. Dann erklärte sie: „Ach Kind, Eltern sind zum Erziehen, Großeltern zum Verziehen. – Das ist schon seit Generationen so, und das Gesetz wirst du doch nicht brechen wollen …“ Dabei zwinkerte sie so schelmisch, dass selbst Mama weich wurde. „Lass es gut sein, irgendwann ist es an dir, Oma zu werden. Für den Moment ist alles perfekt.“

„Ist es nicht. Wir haben nicht mal ein Jesuskind“, hauchte Mama in einem letzten Aufbegehren.

Da zog Oma ein weiteres Päckchen aus der Tasche. „Hier Kind, das ist dein Weihnachtsgeschenk. Mach es auf.“

Erstaunt öffnete Mama vorsichtig das kleine, hübsch verzierte Kästchen, und ihr kamen die Tränen. Die blickte ungläubig ihre Eltern an. Die nickten.

Papa beugte sich neugierig zu Mama, um zu sehen, was in dem Kästchen lag, das Mama zu Tränen rührte und er verstand.

Sorgsam auf Watte gebettet lag ein kleines Jesuskind, perfekt aus Stroh und Faden gebastelt und mit einem gütigen, handgemalten breiten Lächeln auf dem Gesicht. „Aber das ist doch …“, hauchte Mama entgeistert.

Oma nickte. „Ja, das ist das Jesuskind, das du damals im letzten Jahr des Kindergartens für uns gebastelt hast und das immer in unserem Weihnachtsbaum hing. – Wir haben es all die Jahre sorgsam gehütet und nun ist es Zeit, dass es zu dir zurückkommt. – Und sieh nur, das Beste ist: Es ist 100% ökologisch.“

Das war es – und Mama lächelte glücklich und zufrieden, als sie das Jesuskind vorsichtig in die Krippe legte, die jetzt perfekt war.

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Osterkalender 2019

Der Tag, an dem ich kein Kind mehr sein durfte …

Kennt ihr das, wenn ihr glaubt, weder Fisch noch Fleisch zu sein? Ekeliges Gefühl, was?
Hier gehörst du nicht hin, dort aber auch nicht. Oder noch nicht.
Bei uns daheim sagte man dann: Dich hat der Esel im Galopp verloren. Dabei gab´s nirgendwo mehr Esel.
Blöder Spruch.

Im Laufe meines Lebens haben mich ganze Eselshorden schon verloren, ohne dass ich je auf einem Rücken saß. Aber in Erinnerung ist mir ausgerechnet ein Osterfest geblieben.

Was war passiert?

Es war mal wieder soweit. Ostern war´s, mein absolutes Lieblingsfest von allen Festen, die so gefeiert wurden. In meiner Familie war es Tradition, dass wir Kinder in Omas Garten bunte Ostereier suchten. Ein Heidenspaß für meine Cousins, Cousinen und mich. Meine Eltern reisten dafür extra immer zu Ostern an, zwei Stunden Stillsitzen in der Bahn, aber was ist schon eine so lange Fahrt, wenn man die Großeltern wiedersehen konnte und es zum Ostereiersuchen ging. Ein Mückenschiss, sag ich euch.

Die Großen, also meine Eltern, Tanten, Onkel und meine Großeltern machten ein Riesengeheimnis darum. Alle achteten streng darauf, dass kein gefärbtes Ei vor Sonntagmorgen zu sehen war. Ein Getuschel und Geraune verstärkte die Vorfreude noch und machte einem klar, dass es bald soweit war. Freitag- oder Samstagabend wurden wir früh ins Bett geschickt. Man musste ja fit sein, um vielleicht doch noch den Osterhasen zu erwischen, wie er gerade dabei war … Aber wie früh wir auch ins Bett gingen, er war immer schneller.

„Nächstes Jahr kriegen wir ihn.“ „Ganz sicher!“

Wir Jungen gaben uns das Versprechen fest in die Hand und versuchten es immer wieder.
Erfolg hatten wir nie, aber Hoffnung.

Mit den Jahren wurde es immer unwahrscheinlicher, dass es ein Hase war. Anzeichen gab es immer mehr. Die Großen wurden nachlässig. So schickte mich meine Oma zur nahegelegenen Hühnerfarm, wo ich 80 Eier kaufen sollte. Kopfschüttelnd machte ich mich auf den Weg. Wer sollte die denn alle essen? Wir waren doch nur neun. Mein Großeltern, meine Eltern, meine Tante und mein Onkel und meine beiden Cousinen. Die Cousins lebten nebenan und hatten ebenfalls eine größere Eierbestellung zu holen. Die zählten also nicht mit. Vielleicht käme noch meine andere Cousine mit Bruder und ihren Eltern, dann wären es noch mal vier. Immer noch eine recht üppige Eierbestellung.

Als es sich schließlich nicht mehr verheimlichen ließ, wurde uns gesagt: „Oma hilft dem Osterhasen.“
Das konnte man verstehen. Bei den vielen Kindern auf der ganzen Welt, da war das sicher besser, wenn ihm jemand half. Er hatte ja auch nur Pfoten, keine Hände wie der Weihnachtsmann. Und er musste die Eier selbst schleppen. Der Weihnachtsmann hatte ja wenigstens einen Schlitten. Die Argumentation leuchtete uns also ein.

80 Eier und 20 Knickeier. Knickeier waren Eier, die aus der Norm fielen. Zu groß, zu klein oder dreckig, manchmal mit zwei Dotter oder auch einfach nur etwas angeschlagen, aber noch nicht offen und deshalb günstiger. Oma nutzte sie für Kuchen und Nudeln, die sie in rauen Mengen herstellte und über einem Stock nahe des Ofens trocknete, bevor sie in einer großen Blechdose für später aufbewahrt wurden. Alle, bis auf die, die vorher in unseren Bäuchen landeten. Gespannt saßen wir immer zu zweit oder zu dritt auf dem Sofa vor dem Küchentisch.  Gab es Streusel, war das schon das erste Highlight der vor uns liegenden Tage und wir lauerten selig auf unsere Gelegenheit.

„Du bekommst Bauchweh, wenn du rohen Teig isst!“, war die Standardwarnung, aber hat es je ein Kind gegeben, das auf eine solche Warnung reagiert hat? Zumindest bei uns gab es keinen. Wir grinsten, vergruben kurz unsere Händchen unter den Oberschenkeln, um gleich darauf wieder Teig zu naschen. Oma scheuchte uns vorbeugend zum Händewaschen, damit die verbliebenen Streusel sich durch unsere Händchen nicht grau verfärbten, denn sie wusste, wir konnten der süßen Pracht nicht widerstehen. Je nachdem, wie viele Enkel sie beobachteten, passte meine Oma sogar in weiser Voraussicht die Streuselmenge für den Kuchen an. Ihr sanftes Schimpfen gehörte irgendwie dazu, wurde aber geflissentlich überhört. Omas Kuchen waren eben die Besten. Und sie verzuckerten uns die Wartezeit.

Je näher der Sonntag kam, desto ängstlicher wurde der Blick in den Himmel. Ob das Wetter hielt? Ostereier suchte man doch im Sonnenschein im Garten, wo der Osterhase leichtes Spiel hatte beim Verstecken. In der Wohnung zu suchen war nicht so prall. Die Verstecke langweilig und immer irgendwelche Beine von einem Erwachsenen im Weg. Ätzend.

Meist hatten wir Glück. Wir drängelten und schoben uns vor der Tür und jeder wollte als erster ein Ei finden. Prickelnder konnte kein Formel Eins-Rennen sein. Wir wurden aber noch vor der Startlinie wieder eingefangen. Badezimmer, Zähne putzen, Gesicht waschen. Erbarmungslos. Dabei warteten doch die Eier auf uns. Man stelle sich vor, während wir uns mit so Nichtigkeiten rumplagen mussten, würden wilde Tiere die Eier wegschleppen. Oder Kinder vom Nachbarn. Oder der Hase würde sie wieder mitnehmen. Obwohl … Letzteres wohl eher weniger, aber die Vögel. Was, wenn sie die Eier anpickten? Vergeblich unser Jammern. Die Erwachsenen waren nicht zu erweichen. Ihr strenges Gesicht duldete keinen Widerspruch, und wir fügten uns murrend und widerwillig.

Und dann … endlich … wurde die Tür geöffnet, und die wilde Horde tobte einmal quer durch den Vorgarten und dann rund ums Haus.

Mit den Jahren wurden wir Älteren bei den offensichtlichen Nestern zurückgehalten. Die sollten für die Kleinsten von uns sein. Die, die es noch nicht so drauf hatten mit suchen. Nun gut, ich zuckte mit den Achseln, das konnte man noch nachvollziehen. Aber dann kam der Tag …

Längst war klar, dass es den Osterhasen nicht gab. Aber man verdrängte es immer erfolgreich. So auch jetzt. Die Tür öffnete sich, ich stürmte an den offensichtlichen Eiern vorbei und suchte die geheimen Ecken, als sich eine Hand auf die Schulter legte.

„Nicht für dich.“ Irritiert versuchte ich mich loszureißen, überhaupt nicht begreifend, was da jemand zu mir sagte. Der Griff wurde fester. „Lass die Jungen dran. Du bist schon zu alt.“

Zu alt? Wozu? Ostereier suchen? Konnte man je dafür zu alt sein?

Hätte man mir meine Arme abgeschlagen und die Beine an den Knien gekürzt, ich hätte mich nicht schlimmer fühlen können. „Du brauchst das nicht. Sei nicht so gierig. Das ist nur für die Kleinen. Du bist zu alt.“ Ein Faustschlag im Magen, den ich heute noch spüre.

Gier? Echt? Als hätte mich die Schokolade je interessiert. Die verschenkte ich regelmäßig. Ich war mehr der Wurstfan. Nein, es war das Suchen. Dieses kribbelige Gefühl, wenn man was fand. Wie Sprudelwasser im Hirn und im Bauch. Wie Sherlock Holmes, obwohl ich den damals noch nicht einmal kannte, drehte ich mit Begeisterung jedes Primelblatt um. Es könnte ja ein Schokoladenei darunter gerollt sein. Die waren schließlich sehr klein.

Und nun sollte das alles ein Ende haben? Nie wieder?

Schock!

Mein Ostern war ruiniert. Gründlich. Hätte es fünf Tage hintereinander geregnet, alles in Schlamm getaucht, es wäre mir egal gewesen. Ich hätte es vermutlich nicht mal bemerkt.

Den Großen entging mein panisches Gesicht. – Meine plötzliche Antriebslosigkeit. – Meine Zurückgezogenheit. Um mich herum tobte das Leben, es war mir plötzlich alles sch... egal.

Nicht nur der entgangene Spaß nagte an mir. Auch meine falsch verstandene Motivation. Ich, die ich immer den Kleinen gezeigt hatte, wo die Nester lagen, die ihnen meine Eier, auch die blöden Schokoladendinger, die sie so liebten und die selten waren, geschenkt hatte, ich sollte gierig sein? Mir kamen die Tränen. Sie rannen still die Wangen herunter; keiner merkte es. Mit hängendem Kopf schlich ich zurück in die stille Küche und wartete, dass die johlende Gemeinschaft zum Frühstück mit den gefundenen Eiern auftauchte, um sie zu verspeisen.

Meine Kinderseele mit Füßen zertrampelt und der Jugendseele mit auf den Weg gegeben, dass man die Beachtung nicht wert war. Das zog länger. Es hinterließ lange noch ein schales Gefühl auf meiner Zunge, und ich würde denjenigen von damals gerne entgegenschreien: Das war nicht fair. Ich war ... nein, ich bin doch auch noch da. Habt ihr mich vergessen?

Es ist sinnlos. War es schon immer. Mal abgesehen, dass von den Personen nur noch zwei leben, verstanden hätte mich keiner. Damals nicht und heute immer noch nicht. Vermutlich hätte man nur mit dem Kopf geschüttelt, sich umgedreht oder mich blöd angemacht. Dabei hat es mich wirklich verletzt.

**V**   **V**   **V**

Zwei weitere trübe Jahre vergingen, dann schöpfte ich wieder etwas Hoffnung. Mittlerweile wusste ich, dass wir so früh ins Bett geschickt wurden, weil die Erwachsenen dann die Eier färbten, mit Speckschwarte glänzend polierten oder Bilder aufklebten. Da wollte ich mitmachen. Unbedingt. Wenn ich schon kein Kind mehr war, dann gehörte ich also zu den Erwachsenen. Logisch, oder?

Weit gefehlt. „Wenn du konfirmiert bist, dann darfst du. Vorher nicht.“ Na toll. Kind nicht, Erwachsener auch nicht. Ich war enttäuscht.

Dazu kam die Erniedrigung, mit den Zwergen ins Bett gescheucht zu werden, obwohl man doch nicht zu ihnen gehörte. – Wohlgemerkt: zwei Stunden vor der üblichen Zeit. – Ich lag wach und hörte das Kichern aus der Küche, begleitet von dem Schnarchen der Zwerge. Nun gut, ein wenig bedauerte ich mich selbst. Zugegeben. Trotzdem! Die Hilflosigkeit ob der empfundenen Ungerechtigkeit färbten jeglichen Gedanken tiefschwarz. Nur schwer schlief ich endlich ein.

Es war eine ätzende Zeit. Ich fühlte mich ausgestoßen. Nirgendwo dazuzugehören tat weh. Dazu kam, dass in der Zeit auch der Schulwechsel stattfand. Auch hier war die Zuordnung nicht einfach. Ich kam in eine weiterführende, fremde Schule. In meiner Klasse kannten sich alle schon seit Jahren. Ich kannte keinen. Die Folge war klar.

Eierfärben durfte ich dann erst mit fünfzehn, zwei Jahre nach der Konfirmation. Es war Arbeit, aber zumindest eine winzige Befriedigung.

 

**V** **V** **V**

Lange habe ich daran zu knabbern gehabt. Es hat mich sensibilisiert für Ausgestoßene, mich interessiert, wie sie in die Lage kamen. Und ob ich etwas gegen dieses miese Gefühl unternehmen konnte, das ich gespürt hatte und nicht vergessen konnte.

Aber es dauerte noch einmal mehr als drei Jahrzehnte, bis ich mich mit Ostern endgültig aussöhnte. In den Jahren dazwischen sorgte ich persönlich für meine bunten Eier. Ob in Beziehung oder nicht: gefärbte Ostereier, wenn auch nur mit Gräsern, Socke und Zwiebelschalen gefärbt, waren Pflicht. Und dann kam das Ostern mit den Kindern meines Freundes.

Tage vorher wurde wieder der Himmel beobachtet. Sonntagmorgen war ich noch früher als sonst wach und huschte allein durch den Garten. Die Stille beruhigte mich, gleichzeitig spürte ich wieder das Sprudelwasser in den Gliedern, und ich gab mir echt Mühe, die Verstecke machbar, aber nicht zu offensichtlich zu wählen. Die Zeit dort im stillen Garten, der Tau, Sonnenstrahlen, die kitzelten, die ersten Vogelstimmen und die bunten Eier … all das beflügelte mich … und nahm mir den jahrelang mitgeschleiften Groll. – ICH hatte es in der Hand, – ja ich – dass sich keiner ausgestoßen fühlen musste. Egal wie alt.

Meine Güte, dieses Ostern war fast noch besser als meine Erinnerungen an die Kindheit.

Dank euch. – Ihr habt mir mein Ostern zurückgegeben.

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Ok. Weihnachten ist die Zeit der Reime.
Meist ein: Reim dich, oder ich schlag dich.
Also habe ich auch kurz gebastelt.
Seid bitte gnädig.
(Ich kann das besser, nur nicht jetzt.)

 

Weihnachts - Zeit

Weihnachten, du kommst zu schnell,
war doch eben Sommer noch.
Doch die Lichter leuchten hell,
fast aus jedem Fensterloch.

Wo die Nacht stockdunkel war,
und alle Leute hetzten,
kehrt nun Stille in die Bar;
der Wirt kehrt raus die Letzten.

Lohnt sich nicht, das Geld ist all.
Ging drauf für die Geschenke.
Fast der ganze Erdenball
drückt sich die Handgelenke.

Danach fressen wir uns satt.
Nie denken wir an Morgen.
Wenn wir liegen völlig matt,
sind kurz gelöscht die Sorgen.

Wer hat viel und wer hat mehr?
Geiz ist geil, denn wir voll Gier.
Aber bleibt die Seele leer,
reicht uns niemals das zur Zier.

Dabei ist es doch so leicht.
Schenke Zeit, ist mehr Profit.
Geh zum Nachbar, einer reicht.
Nehm ihm eine Kerze mit.



-
  Türchen 11 -

Weihnachtszeit - Lichterzeit.

Lichter haben etwas Magisches. Umso mehr, wenn sie auf einmal nicht mehr da sind. Ich habe hier einige Gedanken skizziert, die ich gerne mit Euch teilen möchte:

Gedanken einer Nacht

Menschen irren verwirrt durch die dunklen Straßen.
"Hast du ...?" Sie blicken sich gegenseitig in die erschrockenen Gesichter. "Bei dir auch?"
Fremde kommen auf dich zu: "Wisst Ihr was?" und Erinnerungen werden wach. Erinnerungen an Bilder, die immer weit weg erschienen und nun doch so nah sind. Hautnah sozusagen.

In das geisterhaften Treiben der Meisten mischt sich hektische Betriebsamkeit von einigen Wenigen. "Da muss doch noch ..." "Ich hatte extra welche aufgehoben!" Ihr aufgescheuchtes Herumflattern wirkt auf die ängstlichen Gesichter in der Nacht nicht beruhigender. Eher das Gegenteil trifft ein. Man rückt zusammen wie eine Herde Schafe und versucht, in der Masse das Fremde, Unbekannte, das immer schon Befürchtete bekämpfen zu können. Mir was? Plüschpantoffeln?

"Wie lange wird es dauern?", ist die meistgestellte Frage der Nacht. Ja, wie lange ...?

Einige Tapfere versuchen sich mit Zweckoptimismus. "Ich gehe jetzt ins Bett und wenn ich wieder wach werde, ist alles vorbei." Merkwürdig, wie es an die Kindheit erinnert, als die Mutter das noch sagte. "Kind, schlaf erst einmal darüber. Morgen ist alles vorbei." Eine bessere Welt durch Ignoranz? Wird man so der Lage gerecht? Es fühlt sich falsch an. Doch was kann man machen ... kann ich machen?

Wohin ich schaue, sehe ich graue Gesichter. Einige Straßenlaternen senden noch ihr fahles Licht in die Nacht. Wie lange werden sie noch scheinen? Was, wenn sie ausgehen? Wer ist noch hier – an wen könnte man sich wenden, falls man Hilfe braucht? Wann kommt der Mob? Der muss doch kommen. Kennt man schließlich aus dem Fernsehen. Irgendwann kommt immer der Mob. Menschen rücken zusammen und nicht immer sind sie auf Hilfe aus.

Ein schnelles Drehen des Kopfes in alle Richtungen beruhigt latent. Die dort, die kenn ich, das sind meine Nachbarn. Die auf der anderen Seite kenn ich auch. Vom Sehen. Gesprochen habe ich noch nie mit ihnen. Wozu auch. Bis jetzt ... Aber wer ist das? Das Mädchen habe ich noch nie vorher hier gesehen. Wo kommt sie her? Was will sie? Und wen hat sie mitgebracht? Angst. – Angst hat sie mitgebracht. Als hätte man nicht schon ausreichend selbst hier in der Runde. Wir geben uns gelassen und sind es doch so wenig.

Unser Leben ist urplötzlich anders geworden. Wie wenn ein Schalter umgelegt wurde. Wann wird es wieder so sein, wie es zu Mutters Zeiten war? Warm, sicher, hell? Vermutlich nie. Ist man auf die Lage, sollte sie so bleiben, ausreichend vorbereitet? Ist ausreichend Wasser im Keller? Essen? Zu dumm, dass man den Gedanken an das Notstromaggregat nicht weiterverfolgt hat. Wenn alles wieder normal ist, muss man darüber unbedingt noch einmal nachdenken. Ach was! Nicht nachdenken ... handeln. Ja, handeln. Nichts ist schlimmer als zur Untätigkeit verdammt zu sein. Morgen gleich. Ach nein, da ist ja Sonntag ... aber übermorgen, wenn alles wieder normal ist.

Wird es das je wieder ...


... Bis der Strom wieder kam, waren wir uns alle etwas näher als sonst. Schon am nächsten Tag lief man wieder in den eigenen Spuren, schön neben den anderen. Selten kreuzten sich die Wege. Weihnachten kam, Weihnachten ging. Die Festbeleuchtungen in diesem Jahr unterschieden sich nicht von denen der vergangenen Jahre. Jeder blieb für sich.

Aber an Neujahr kam man wieder auf der Straße zusammen. Im Dunklen, den Blick auf die glitzernden Lichter am Himmel gerichtet, wurden Gläser gehoben, Hände geschüttelt, und es wurde angestoßen auf das neue Jahr. Die Erinnerung an die Zeit des Stromausfalls mochte nicht mehr jedem präsent sein, aber sie lebte in allen fort und verband Nachbarn, die sich sonst nie trafen.

Dies Silvester war wärmer als jedes bisher erlebte. Fast war ich dankbar für den kleinen Fehler im Umspannwerk, damals im August, als für circa eine Stunde um 23:34 Uhr in Bremen das Licht ausging.

Was ein kleines bisschen Licht in der Dunkelheit doch manchmal ausmachen kann.

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Zu diesem Text:

Inspiriert wurde ich zu dem Text in der Nacht des 03. auf den 04.08.2018,
als ein Stromausfall um 23:34 Uhr in Bremen die Lichter erlöschen ließ
für die Dauer von ca. einer Stunde.

Mit ihm möchte ich die Hoffnung in diese Welt schicken,
dass es nicht erst einen Stromausfall benötigt,
damit man seinen Nachbarn sieht.

Vielleicht trägt er ebenso zu einem Umdenken bei wie mein neuer Roman,
der voraussichtlich im Januar 2019 im JustTales Verlag erscheinen wird.
Auch dort geht es um Sehen und Gesehen werden.

Kommissar Michael Oder löst seinen zweiten Fall, nachdem er den
"Morgenmuffel" im November 2017 zur Strecke brachte.
Titel des neuen Kommissar Oder Krimis:

                                "Kein Erbe ohne Tod"

Vorankündigung und Termin zur offiziellen Buchpremiere findet sich hier.

Autoren-Osterkalender 2018

Marvin Murmeltier - Osterwettbewerb

„Es ist Ostern“, zwitscherten die Spatzen.

„Oh ja, Ostern“, gurrten die Tauben und rieben sich mit den Flügeln die dicken Bäuche.

Marvin runzelte die Stirn. Was war denn "Ostern"? Und warum waren alle so aufgeregt? Alle Vögel im Wald und am kleinen Bach, an dem er lebte, waren völlig aus dem Häuschen. Es tschilpte hier, es gaggerte da, ein Konzert von vielen tausend Vogelstimmen und alle freuten sich auf dieses unbekannte „Ostern“.

Drei kleine Spatzen auf der alten Eiche über seinem Kopf tuschelten freudig und schubsten sich gegenseitig vom Ast. Marvin beschloss, sie zu fragen.

„Guten Morgen“, fing er höflich an, aber sie hörten ihn nicht. Er versuchte es noch einmal etwas lauter. „Hallo, guten Morgen! Könnt ihr mir bitte eine Frage beantworten?“
Zwecklos. Sie waren total mit sich beschäftigt.

Also das gab es doch nicht, dachte sich Marvin. Er stieß einen schrillen Pfiff aus, wie das Murmeltiere so machen, wenn jeder etwas mitbekommen sollte. Das wirkte. Die Spatzen stoppten kurz und blickten ihn an.

„Hey ihr da. Was ist Ostern und warum seid ihr so aufgeregt?“ Marvin schob noch ein kurzes „Bitte erklärt es mir“ hinterher, denn er höflich. Dann blickte er erwartungsvoll himmelwärts.

„Du kennst Ostern nicht? Wo gibt es denn sowas!“
Sie kicherten ungläubig.

„Das ist doch das tollste Fest am Jahresbeginn. Danach kommt nur noch Weihnachten, aber da ist es immer so kalt. Ostern ist viiiiiel besser!“

Zwitscherten sie Marvin zu, stoben davon und ließen ihn grübelnd zurück.

„Marvin“, brummte es hinter ihm, „… mach dir keine Gedanken. Ich sag dir, was sie an Ostern so toll finden.“ Marvin drehte sich um und entdeckte Elvira, die uralte Eule, die auch am Bach wohnte, auf einem Zweig. Elvira und er waren schon lange gute Freunde. Sie warnten sich immer gegenseitig, wenn Gefahr drohte. Wenn es Neuigkeiten gab, informierte jeder den anderen, denn Elvira war nachts aktiv und Marvin tagsüber. Das passte prima. Jetzt war es an der weisen Elvira, Marvin etwas zu erklären.

„Sie sind so aufgeregt, weil es an Ostern immer einen Wettbewerb um das schönste Ei gibt. Der Gewinner bekommt einen extrafeinen Kuchen aus dem Dorf, lecker, süß und mit Körner und Nüssen. Hermann Hase holt den immer vom Bäcker, der den extra für die Tiere backt und vor seine Tür legt. An Ostern treffen sich dann die Vögel des Waldes auf der Lichtung nahe des Dorfes und zeigen ihre tollsten Eier und Hermann entscheidet. Der Gewinner des Wettbewerbs bekommt den Kuchen und muss deshalb mindestens eine Woche lang das Nest nicht mehr verlassen.“

„Aha, deshalb sind sie so aufgeregt. Wann ist das Treffen, denn das würde ich mir zu gerne ansehen.“

„Schon heute, du musst dich beeilen. Wenn die Sonne am höchsten steht, geht es los.“

„Kannst du mich vielleicht dort hinbringen, Elvira? Zurück finde ich schon alleine, aber ich möchte nichts verpassen.“

Elvira überlegte. Sie war total müde und wollte eigentlich nur noch schlafen, aber Marvin sah sie so lieb an, da konnte sie ihm seine Bitte nicht abschlagen.

„Na komm, stell dich dort drüben auf den Baumstumpf, dann fang ich dich ein.“ Marvin ließ sich nicht lange bitten. Ruckzuck stand er auf dem Baumstamm und richtete sich auf. Die Vorderpfoten streckte er weit von sich. Elvira ließ sich von ihrem Ast fallen, breitete die Flügel aus und schoss auf Marvin zu. Ihre Füße mit den scharfen Krallen griffen unter seine ausgestreckten Pfoten und schon war er in der Luft. Es kitzelte etwas, als Elviras Krallen an seinem Bauch entlang wischten. Marvin kicherte.

„Hör auf zu lachen, sonst rutscht du mir noch durch die Krallen. Von hier oben bleibt nicht viel von dir übrig, wenn du fällst“, warnte Elvira.

Marvin wagte einen kurzen Blick nach unten und verstand. Der Wald war so weit unter ihm, dass die Bäume ganz klein aussahen. Augenblicklich hörte er auf mit dem Zappeln und machte sich steif. Aus der Luft herunter zu fallen wäre kein Spaß. Der Wind pfiff ihm um die Ohren und plusterte sein Fell ordentlich auf. Vorsichtig fiel sein Blick nach unten. Dort drüben, das musste die große, alte Eiche sein, unter deren Wurzeln seine Höhle lag. Wie klein sie auf einmal war. Der Bach war nur noch ein schmales, silbernes Band und sah gar nicht mehr gefährlich aus. Alles war so winzig geworden, dass Marvin kaum noch erkennen konnte, wo sie gerade waren. Am Horizont sah er Rauchwolken aufsteigen.

„Es brennt, Elvira, es brennt! Lass uns schnell runter und die Tiere warnen!“, rief er aufgeregt.

„Dummerchen, das ist doch nur das Dorf. Das ist Rauch aus den Schornsteinen. Wir sind gleich da. Mach dich zur Landung bereit. Ich muss dich etwas fallen lassen, denn mit dir zusammen kann ich nicht landen.“

„Alles klar. Danke Elvira!“

Elvira setzte zur Landung an. Etwa einen Meter über dem Boden ließ sie los. Marvin federte den Sturz ab, kullerte noch einen halben Meter, dann stand er wieder auf seinen Pfoten. Er bedankte sich höflich bei Elvira, die zwei Meter weiter auf einem Ast saß.

„Vielen Dank, das ging ja ratzfatz. Bleibst du auch hier?“, wollte er wissen. Elvira schüttelte den Kopf.

„Das ist nichts mehr für mich. Früher habe ich auch mitgemacht, aber jetzt bin ich dafür zu alt. Ich werde wieder zu unserem Baum fliegen und schlafen. Ich war die ganze Nacht auf den Flügeln, jetzt bin ich müde.“ Sie gähnte, dann breitete sie die Flügel aus, bereit zum Abheben. „Bis später und viel Vergnügen“, rief sie Marvin noch zu, hob ab und war sogleich hinter den Bäumen verschwunden.

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Marvin sah sich um. Die Lichtung, auf die Elvira ihn hatte plumpsen lassen, war nicht groß, aber schon ordentlich belebt. Er war nicht der Einzige, den der Wettbewerb interessierte. Die Teilnehmer waren schnell entdeckt. Vier Vögel hatten sich ein Nest in einem Gebüsch über einem Wiesenstreifen gebaut und saßen schützend auf ihren Eiern. Eine Goldammer, ein Neuntöter-Weibchen, eine Gartengrasmücke und ein Gartenrotschwanz-Weibchen. Es war zwar schon Frühjahr, aber der Boden war noch zu kalt. Im Nest waren die Eier geschützter.

Marvin reckte sich, um alles zu überblicken. Vom Kuchen war noch nichts zu sehen. Er war also noch rechtzeitig angekommen. Langsam wurde die Lichtung voll. Marvins Bauch knurrte und erinnerte ihn daran, dass er noch nicht gefrühstückt hatte. Da von Hermann mit dem Kuchen noch nichts zu sehen war, beschloss Marvin, sich erst mal etwas zu essen zu suchen. Wer weiß, wie lange das noch dauerte. Auf der anderen Seite der Lichtung glaubte er beim Anflug Haselnuss-Sträucher gesehen zu haben. Das wollte er untersuchen.

Schnell huschte Marvin in die Richtung. Er konnte die Sträucher schon sehen, als sie auf einmal wackelten. Augenblicklich stoppte Marvin seinen Lauf. Wachsam kontrollierte er die Gegend. Wackelnde Büsche waren nicht normal. Wer weiß, was sich da drin verbarg. Womöglich lief er direkt Ferdinand Fuchs vor die Schnauze. Der hätte ihm gerade noch gefehlt. Ferdinand war immer hungrig und Marvin wollte nicht sein Frühstück werden.

Aufmerksam und fluchtbereit beobachtete er das zappelnde Gebüsch. Da, ein roter Schwanz. Ferdinand?

Marvin wollte gerade losrennen, da vernahm er ein ansteckendes Kichern aus dem Busch. Gleich darauf kugelten Erwin Eichhörnchen, ein alter Freund von Marvin, und seine Enkel aus dem Grün. Die Eichhörnchen tobten wie eine wilde Horde auf die Lichtung. Erwin, der Opa der Bande, folgte langsamer. Als er Marvin erkannte, winkte er ihm freundlich.

„Hallo Marvin. Haben dich meine Enkel erschreckt? Keine Sorge, die sind nur übermütig und freuen sich auf den Wettbewerb.“

„Ach Erwin, du bist das.“ Marvin seufzte erleichtert. „Ich dachte schon, Ferdinand stört wieder die gute Stimmung."
Marvin kicherte.

"Es ist aber auch zu blöd, dass eure Schwänze die gleiche Farbe haben. Das kann einen schon erschrecken.“

„Hihi, da könntest du recht haben“, kicherte Erwin und strich sich seine weiße Strähne aus der Stirn. An der Stelle hatte er einmal einen Zusammenstoß mit Ferdinand und seit dem wuchsen dort keine roten sondern nur noch weiße Haare. Sie erinnerte ihn daran, dass man Ferdinand nicht trauen durfte.

„Ihr wollt also auch zu dem Wettbewerb?“

„Ja klar doch. Wir sind jedes Jahr hier. Ist Hermann schon aufgetaucht?“

„Ich habe ihn noch nicht gesehen. Den Kuchen, von dem Elvira mir erzählt hat, auch nicht. Ich dachte mir daher, ich such mir noch schnell etwas zu essen und komm dann gleich wieder.“

„Gute Idee. Wir haben schon gefrühstückt. Aber wenn du nur schnell etwas suchst, dann geh in die Richtung. Unter der Brombeerhecke habe ich letzten Herbst ein Depot mit Nüssen angelegt, das ich noch nicht geplündert habe. Das schenk ich dir, dann bist du schneller wieder da, als wenn du selbst erst suchen müsstest.“

„Oh danke Erwin. Sobald das hier herum ist, kriegst du das auch wieder zurück. Bis gleich!“, freute sich Marvin und huschte in die Richtung, die Erwin ihm gezeigt hatte.

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Er musste nicht lange suchen. Erwin war schon alt und nicht mehr so kräftig. Daher waren seine Verstecke auch nicht tief im Boden. Teilweise lugten sogar Teile der Beute aus den Blättern, die er über die Löcher mit Nahrung gelegt hatte. So auch hier. Zwischen alten braunen Blätter und jungem saftigen Grün, das von dem Grasfleck daneben herüber wuchs, entdeckte Marvin eine Haselnuss. Zwei Kratzer mit seiner Kralle später hatte er noch 3 weitere gefunden und ließ es sich schmecken.

Die Sonne schickte einige Strahlen zwischen den Bäumen hindurch. Sie trafen genau den Grasfleck, auf dem Marvin saß und an den Nüssen knabberte. Sie wärmte seinen Pelz, und er ließ für einen Augenblick die Nuss sinken, die er gerade bearbeitet hatte. Er schloss die Augen und genoss die Stille und die Wärme.

Ein leises Rascheln riss ihn aus seiner Stimmung. Er blickte sich um und sah eine Henne aus dem Dorf traurig im Erdboden picken. Alles an ihr war traurig. Das Gefieder hing herunter, der Kopf war gesenkt, die Bewegungen langsam und müde.

Marvin wollte sie nicht erschrecken, also sprach er sie leise an.

„Hallo, du da. Was ist mit dir?“

Die Henne erschrak und kippte einfach um. Wie ein Stein lag sie da und rührte sich nicht mehr.

Oh nein. Hatte er sie umgebracht? So erschreckt, dass ihr Herz aussetzte? Marvin kam langsam näher und tippte vorsichtig die Henne an. Er wollte sehen, ob sie noch lebte.

Das weckte die Henne und sie schüttelte sich. Marvin war erleichtert.

„Geht es dir gut? Du bist einfach umgekippt. Ich wollte dich nicht erschrecken.“

„Ach je, das passiert mir immer wieder. Tut mir leid, es muss schlimm für dich ausgesehen haben. Auf meinem Hühnerhof sind sie es schon gewohnt. Die „hektische Herta“ nennen sie mich da. Mir geht es gut. Keine Sorge.“

„Aber du siehst traurig aus. Was ist los? Kann ich dir helfen?“

„Leider nein. Es ist nur wieder dieser Wettbewerbstag. Der macht mir Sorgen.“

„Warum? Jeder scheint sich darauf zu freuen, nur du nicht. Und warum bist du hier und nicht dort drüben auf der Lichtung?“

„Ach, ich bin nie dabei. Wozu auch. Da werden die schönsten Eier präsentiert. Ich lege doch nur weiße Eier. Die sind langweilig. Und die will keiner sehen. Da brauche ich nicht mal anzutreten.“ Herta seufzte. „Ich habe sie gesehen, die anderen Eier. Dort drüben vom Gebüsch aus.“ Sie zeigte auf das Gebüsch, in dem noch vor kurzem Erwin mit seinen Eichhörnchen herumgeturnt hatte.

„Hast du es denn schon einmal probiert?“

„Ja, im ersten Jahr. Ich hatte ein wunderschönes, gleichmäßig geformtes Ei. Ganz glatt und glänzend. Aber sie haben mich alle ausgelacht. Da wären ja keine Muster drauf. Es wäre so langweilig.“ Ihr kullerte eine Träne aus dem linken Auge bei der Erinnerung. „Sie haben ja recht. Mein Ei war langweilig wie es mein Leben ist.“ Traurig ließ sie den Kopf hängen und pickte lustlos nach einem Wurm.

Marvin tat Herta leid. Er hätte ihr gerne Trost gespendet, aber so recht fiel ihm auch nicht ein, wie er das machen sollte. Vor Trauer, dass er Herta nicht helfen konnte, schmeckte ihm nun die Nuss auch nicht mehr. Er legte sie mit den anderen wieder in das Loch und deckte alles sauber ab. Damit das Versteck nicht gleich wieder gefunden werden würde, kratzte er noch ein paar Brombeerbuschreste über das Loch.

Nachdenklich drehte er sich wieder um und schlug den Weg zur Lichtung ein. Grübelnd folgte er Herta, die sich wieder unter dem Gebüsch verstecken wollte, wohl wissend, dass der Preis auch dieses Jahr nicht an sie gehen würde.

Marvins Pfoten blieben an einem Blatt kleben. Er stoppte und zog sich das Blatt von der Kralle. Darunter war die Pfote dunkel-lila. Marvin stutzte. Blut konnte das nicht sein. Sein Blut war rot - es war nicht lila. Und hätte er eine Wunde, dann hätte auch die Kralle weh getan.

Verwirrt schüttelte er den Kopf. Wieso lila? Suchend, als hätte der Wald die Antwort, sah er sich um. Sein Blick blieb an dem Brombeergestrüpp hängen.

„Brombeeren … Beeren … Saft … Farbe … Farbe?“ Er eilte zurück zum Gestrüpp und suchte an der Stelle, an der er seine Nüsse vergraben hatte. Dort wurde er fündig. Eine vertrocknete Brombeere aus dem letzten Herbst lag im Tau und war etwas aufgeweicht. Als Marvin die Brombeerblätter und –zweige über die Nüsse gekratzt hatte, hatte er mit den Krallen die Brombeere erwischt. Dort, wo sie aufgeweicht war, glänzte es lilafarben in der Sonne.

Marvin kam eine Idee. Schnell lief er Herta nach. Einen Versuch war es wert, fand er.

- - - - - - - - - - - - - - -

Auf der Lichtung wurde es langsam voll. Hermann war eingetroffen und hatte den Kuchen hinter sich hergezogen. Ein starkes Stück Arbeit, aber er sonnte sich auch im Lob der anderen Tiere.

Die Vogelmütter drängten schon. Sie wollten das Ergebnis.

„Hey Hermann, wie lange dauert es denn noch? Mein Küken schlüpft gleich. Ich habe nicht mehr viel Zeit“, riefen sie.

Hermann ließ sich nicht hetzen. Er genoss noch eine Weile das Lob, schließlich hatte er dem Hofhund getrotzt und sich redlich abgemüht, den runden Kuchen bis zur Lichtung zu rollen. Jetzt hatte er ordentlich Hunger, zumal der Kuchen verführerisch duftete.

„Immer mit der Ruhe, die Damen. Ihr wisst doch, wann es losgeht. Noch ist die Sonne nicht am höchsten Punkt. Ich muss mich jetzt erst mal stärken. Solange müsst ihr noch warten.“

Die Vogelmütter murrten, aber keiner achtete auf sie. Es hatten sich mittlerweile auch andere Vögel des Waldes eingefunden. Dazu einige Mäuse, die hofften, von dem Kuchen etwas abzunagen, bevor er völlig im Nest einer der Mütter verschwunden sein würde. Eine Ricke mit ihrem Rehkitz knabberte am Rasen nahe der Nester. Die Vogelmütter zeterten so lange, bis sie auf die andere Seite der Lichtung wechselte. Im Schatten auf der Nordseite des Platzes war die Erde vom letzten Regen noch weich, da hier die Sonne nicht hinkam. Dort suhlten sich einige Wildschweine mit ihren Frischlingen im Dreck und genossen es.

Hermann aß sich satt, dann trommelte er mit seinen Läufen auf einem abgesägten Baumstamm, der die Mitte der Lichtung markierte.
Augenblicklich wurde es still. Alle Augen waren auf ihn gerichtet.

„Also“, er räusperte sich kurz, dann fuhr er fort, „also, wir haben uns hier versammelt, um die alljährliche Eierschau durchzuführen. Wer hat das schönste, größte, originellste Ei?"

„Nun mach schon, mein Küken klopft schon!“
„Beeil dich.“

Hermann ließ sich nicht hetzen. Aufrecht auf zwei Beinen, damit er größer wirkte und auch jeder ihn sehen konnte, wankte er auf das erste Nest zu.

Die Vogelmutter flatterte kurz auf einen Ast über ihrem Nest und alle größeren Tiere konnten einen Blick auf das Gelege erhaschen. Drei gesprenkelte rötlich-braune Eier lagen im Nest. Neuntöter-Eier. Zwei kleinere und ein etwas größeres Ei. Das Größere wackelte heftig. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis das Küken schlüpfen würde. Kein Wunder also, dass seine Mutter gedrängt hatte.

„Hmm, hmm. Schön, schön. Welches Ei meldest du zum Wettbewerb an?“ Hermann brummte in seinen Bart und strich sich mit den Vorderpfoten die Haare seines Schnurrbarts in Form. Die Neuntöter-Vogelmutter deutete auf das größte. „Selbstverständlich dies hier. Ist doch klar.“

Hermann nickte.

„Das nächste Ei bitte.“

Auch hier der gleiche Ablauf. Diesmal waren die Eier eher weiß mit unregelmäßigen braunen Flecken. Auch hier wackelte das größte Ei bedenklich.

So ging das fort bis zum letzten Ei, das Ei der Gartenrotschwanz-Mutter. Strahlend blau ohne jeden Fleck lag es im Nest. Seine Mutter platzte fast vor Stolz und trillerte einen Jubelschrei in die Luft. Sie konnte nicht verlieren. Das musste das tollste Ei sein. Da war sie sich absolut sicher.

Hermann ließ sich auf alle Pfoten zurückfallen und hoppelte erneut zum ersten Ei. Er ließ sich Zeit. Alle warteten nur auf seinen Richterspruch und das bisschen Aufmerksamkeit im Jahr wollte er sich nicht kürzen lassen.

Während er sich vor dem ersten Ei erhob, um noch einmal in das Nest zu blicken, erklang ein leises Knacken aus dem dritten Gelege. Nur einen Augenblick später kamen ein Milchzahn und einige feuchte Federn zum Vorschein.

Alle stürzten zu dem Nest und beglückwünschten die Mutter.

Da knackte es im Nest daneben, dem zweiten.

Die Tiere blickten gespannt auf das zweite Nest. Auch hier brach die Schale, und während sich noch das Küken ins Licht boxte, gingen zeitgleich jeweils das größte Ei des ersten und des letzten Gelege zu Bruch.

Die Tiere staunten nicht schlecht. Vier Küken fast zeitgleich hatte es noch nie gegeben.

Alle gratulierten. Aber auf einmal kam aus dem Hintergrund eine Stimme.

„Die sehen ja alle gleich aus!“

Totenstille.

Alle drehten sich zu der Stimme um. Ein vorwitziges Eichhörnchen aus Erwins Gefolge hatte sich einen Platz auf einem Ast gesichert, der über einen Teil der Lichtung ragte. Von diesem erhöhten Platz hatte es den Überblick und erkannte sofort, was den anderen Tieren auf der Lichtung erst langsam dämmerte.

In jedem Nest saß ein Küken, das den Küken der anderen Nester aufs Gefieder glich.

Hermann kratzte sich am Kopf und überlegte. So etwas Ungeheuerliches hatte es in den langen Jahren des Wettbewerbs noch nie gegeben. Was war geschehen?

Da öffnete das erste Küken seinen Schnabel und verlangte nach Futter.

„Gu-kuh, gu-kuh!“

Die anderen Küken fielen mit ein in den Ruf.

„Gu-kuh, gu-kuh, gu-kuh!“

Der Ruf des Kuckucks ...

Es fiel allen wie Schuppen von den Augen. In jedes Nest hatte ein Kuckuck sein Ei gelegt. Und da, wie allen bekannt war, Kuckuckmütter sich nicht um ihre Jungen kümmern, sondern die Eier in die Nester von anderen Vögeln legen und ausbrüten lassen, hatten sie nur die Farbe den bereits gelegten Eiern angepasst. So war es nicht aufgefallen, und sie überließen es den anderen Müttern, sich um ihre Küken zu kümmern.

„Hmm, also so geht das nicht. Wie soll ich einen Sieger wählen, wenn alle gleich aussehen?“, raunzte Hermann. „Hat nicht noch einer ein Ei, dass er zum Wettbewerb anmelden kann?“

Stille trat ein. Keiner rührte sich.

Marvin, der mit Herta unter dem Busch saß, stupste Herta kurz in die Seite.

„Los jetzt. Deine Chance.“

„Meinst du echt?“

„Klar doch. Wenn nicht jetzt, wann dann? Los, trau dich.“

Er schob sie von hinten unter dem Busch vor. Alle Augen blieben an Herta hängen.

Schüchtern hob sie einen Flügel. „Ich, … ich hätte noch eins.“

Ein gewaltiges Getöse kam von den Vogelmüttern auf ihren Nestern.

„Was willst du denn?“

„Du hast doch nur hässliche, langweilige weiße Eier.“

„Geh nach Hause und kratz weiter im Dreck!“

„Also wirklich, was glaubt sie, wer sie ist“, empörten die Vögel sich.

Herta zuckte zurück und wollte schon wieder unter dem Busch verschwinden, aber Marvin versperrte ihr den Rückzug.

„RUHE!“, brüllte Hermann so laut er konnte und trommelte zusätzlich auf dem Baumstumpf, um sich Gehör zu verschaffen.

„Ruhe sag ich. Ihr hattet eure Chance. Ich will sehen, was Herta hat.“

Marvin meldete sich. „Hier ist Hertas Ei. Ich war selbst dabei, sie hat es höchstpersönlich gelegt.“

Bei den Worten versteckte Herta verschämt den Schnabel unter einem Flügel. Marvin statt dessen rollte ein Hühnerei auf die Lichtung.

Aber was war das für ein Ei!

„Oooooch!“, entfuhr es allen Tieren, und viele standen mit offenem Mund da, und sie staunten. So ein Ei hatte noch keiner von ihnen je gesehen.

Auf dem glänzenden Weiß der Eierschale war ein bildschönes Muster aus Kringeln und Strichen in Lila angebracht. Genauer gesagt in Brombeer-Lila.

Andächtig bestaunten die Tiere die gleichmäßigen Punkte und Striche. Sie gingen einmal, zweimal um das Ei, aber sie konnten keinen Fehler entdecken.

„Also das … also das ist wirklich das tollste Ei, dass ich je gesehen habe. Stimmt ihr mir zu?“, fragte Hermann in die Runde.

Alle waren einverstanden. Herta hatte das schönste Ei des Jahres.

„Dann verkünde ich hiermit: Herta, du bist die diesjährige Siegerin. Vielen Dank für das schöne Ei. Der Kuchen ist deiner.“

Herta war so aufgeregt, den letzten Satz bekam sie schon nicht mehr mit. Sie kippte wieder um.

Marvin huschte an ihre Seite und weckte sie. Ein Strahlen ging über ihr Gesicht. Ein solches Strahlen, dass es Marvin ganz warm ums Herz wurde.

„Vielen Dank“, flüsterte Herta. Dann räusperte sie sich und wandte sich an die anderen Tiere.

„Ich danke Euch. Das hätte ich so nicht erwartet. Ihr habt mir einen wunderschönen Tag beschert. Daher möchte auch ich etwas zurückgeben. – Da ich nicht mit dem Sieg gerechnet habe, möchte ich den Kuchen gerne für alle frei geben. Bedient euch. Ich bin so glücklich, ich brauche keinen Kuchen zusätzlich. Esst und freut Euch mit mir. Das ist mir genug.“

Na da war aber was los. Alle redeten durcheinander. Dann machten sie sich über den Kuchen her und von dem anschließenden Fest haben sie noch lange erzählt.

Hermann, der Hase, änderte die Regeln für das nächste Jahr. Nur noch gefärbte Eier durften an dem Wettbewerb teilnehmen, da so jeder eine Chance bekam, nicht nur die Vögel, die von Natur aus hübsche Eier hatten.

Marvin aber betrachtete seine Pfote, die brombeerlila verfärbt war, grinste und machte sich auf den langen Heimweg.

Ende - oder doch nicht?

Vielleicht helft Ihr das nächste Mal,
wenn Helga wieder ein schönes Osterei benötigt. Viel Spaß.


Aufgrund der neuen Datenschutzregeln wurden sämtliche Bilder entfernt, auch wenn sie der Institution Pixabay entnommen wurden.
Es ist schade, aber vielleicht kann ich bald eigene Bilder nachliefern.
Ich bemühe mich. Versprochen.

 

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