Gedanken einer Nacht – 04.08.2018

Menschen irren verwirrt durch die dunklen Straßen.

“Hast du …?” Sie blicken sich gegenseitig in die erschrockenen Gesichter. “Bei dir auch?”

Fremde kommen auf dich zu: “Wisst Ihr was?” und Erinnerungen werden wach. Erinnerungen an Bilder, die immer weit weg erschienen und nun doch so nah sind. Hautnah sozusagen.

In das geisterhaften Treiben der Meisten mischt sich hektische Betriebsamkeit von einigen Wenigen. “Da muss doch noch …” “Ich hatte extra welche aufgehoben!” Ihr aufgescheuchtes Herumflattern wirkt auf die ängstlichen Gesichter in der Nacht nicht beruhigender. Eher das Gegenteil trifft ein. Man rückt zusammen wie eine Herde Schafe und versucht, in der Masse das Fremde, Unbekannte, das immer schon Befürchtete bekämpfen zu können. Mir was? Plüschpantoffeln?

“Wie lange wird es dauern?”, ist die meistgestellte Frage der Nacht. Ja, wie lange …?

Einige Tapfere versuchen sich mit Zweckoptimismus. “Ich gehe jetzt ins Bett und wenn ich wieder wach werde, ist alles vorbei.” Merkwürdig, wie es an die Kindheit erinnert, als die Mutter das noch sagte. “Kind, schlaf erst einmal darüber. Morgen ist alles vorbei.” Eine bessere Welt durch Ignoranz? Wird man so der Lage gerecht? Es fühlt sich falsch an. Doch was kann man machen … kann ich machen?

Wohin ich schaue, sehe ich graue Gesichter. Einige Straßenlaternen senden noch ihr fahles Licht in die Nacht. Wie lange werden sie noch scheinen? Was, wenn sie ausgehen? Wer ist noch hier – an wen könnte man sich wenden, falls man Hilfe braucht? Wann kommt der Mob? Der muss doch kommen. Kennt man schließlich aus dem Fernsehen. Irgendwann kommt immer der Mob. Menschen rücken zusammen und nicht immer sind sie auf Hilfe aus.

Ein schnelles Drehen des Kopfes in alle Richtungen beruhigt latent. Die dort, die kenn ich, das sind meine Nachbarn. Die auf der anderen Seite kenn ich auch. Vom Sehen. Gesprochen habe ich noch nie mit ihnen. Wozu auch. Bis jetzt. … Aber wer ist das? Das Mädchen habe ich noch nie vorher hier gesehen. Wo kommt sie her? Was will sie? Und wen hat sie mitgebracht? Angst. – Angst hat sie mitgebracht. Als hätte man nicht schon ausreichend selbst hier in der Runde. Wir geben uns gelassen und sind es doch so wenig.

Unser Leben ist urplötzlich anders geworden. Wie wenn ein Schalter umgelegt wurde. Wann wird es wieder so sein, wie es zu Mutters Zeiten war? Warm, sicher, hell? Vermutlich nie. Ist man auf die Lage, sollte sie so bleiben, ausreichend vorbereitet? Ist ausreichend Wasser im Keller? Essen? Zu dumm, dass man den Gedanken an das Notstromaggregat nicht weiterverfolgt hat. Wenn alles wieder normal ist, muss man darüber unbedingt noch einmal nachdenken. Ach was! Nicht nachdenken … handeln. Ja handeln. Nichts ist schlimmer als zur Untätigkeit verdammt zu sein. Morgen gleich. Ach nein, da ist ja Sonntag … aber übermorgen, wenn alles wieder normal ist.

Wird es das je wieder …

 

Gedanken einer Nacht.
Der Nacht vom 03. zum 04.08.2018
Stromausfall um 23:34 Uhr in Bremen.
Dauer: ca. 1 Stunde.

Osterwettbewerb

Marvin Murmeltier – Osterwettbewerb

„Es ist Ostern“, zwitscherten die Spatzen.

„Oh ja, Ostern“, gurrten die Tauben und rieben sich mit den Flügeln die dicken Bäuche.

Marvin runzelte die Stirn. Was war denn “Ostern”? Und warum waren alle so aufgeregt? Alle Vögel im Wald und am kleinen Bach, an dem er lebte, waren völlig aus dem Häuschen. Es tschilpte hier, es gaggerte da, ein Konzert von vielen tausend Vogelstimmen und alle freuten sich auf dieses unbekannte „Ostern“.

Drei kleine Spatzen auf der alten Eiche über seinem Kopf tuschelten freudig und schubsten sich gegenseitig vom Ast. Marvin beschloss, sie zu fragen.

„Guten Morgen“, fing er höflich an, aber sie hörten ihn nicht. Er versuchte es noch einmal etwas lauter. „Hallo, guten Morgen! Könnt ihr mir bitte eine Frage beantworten?“
Zwecklos. Sie waren total mit sich beschäftigt.

Also das gab es doch nicht, dachte sich Marvin. Er stieß einen schrillen Pfiff aus, wie das Murmeltiere so machen, wenn jeder etwas mitbekommen sollte. Das wirkte. Die Spatzen stoppten kurz und blickten ihn an.

„Hey ihr da. Was ist Ostern und warum seid ihr so aufgeregt?“ Marvin schob noch ein kurzes „Bitte erklärt es mir“ hinterher, denn er höflich. Dann blickte erwartungsvoll himmelwärts.

„Du kennst Ostern nicht? Wo gibt es denn sowas!“

„Das ist doch das tollste Fest am Jahresbeginn. Danach kommt nur noch Weihnachten, aber da ist es immer so kalt. Ostern ist viiiiiel besser!“

Sie kicherten ungläubig. Dann stoben sie davon und ließen Marvin grübelnd zurück.

„Marvin“, brummte es hinter ihm, „… mach dir keine Gedanken. Ich sag dir, was sie an Ostern so toll finden.“ Marvin drehte sich um und entdeckte Elvira, die uralte Eule, die auch am Bach wohnte, auf einem Zweig. Elvira und er waren schon lange gute Freunde. Sie warnten sich immer gegenseitig, wenn Gefahr drohte. Wenn es Neuigkeiten gab, informierte jeder den anderen, denn Elvira war nachts aktiv und Marvin tagsüber. Das passte prima. Jetzt war es an Elvira, Marvin etwas zu erzählen.

„Sie sind so aufgeregt, weil es an Ostern immer einen Wettbewerb um das schönste Ei gibt. Der Gewinner bekommt einen extrafeinen Kuchen aus dem Dorf, lecker, süß und mit Körner und Nüssen. Hermann Hase holt den immer vom Bäcker, der den extra für die Tiere backt und vor seine Tür legt. An Ostern treffen sich dann die Vögel des Waldes auf der Lichtung nahe des Dorfes und zeigen ihre tollsten Eier und Hermann entscheidet. Der Gewinner des Wettbewerbs bekommt den Kuchen und muss deshalb mindestens eine Woche lang das Nest nicht mehr verlassen.“

„Aha, deshalb sind sie so aufgeregt. Wann ist das Treffen, denn das würde ich mir zu gerne ansehen.“

„Schon heute, du musst dich beeilen. Wenn die Sonne am höchsten steht, geht es los.“

„Kannst du mich vielleicht dort hinbringen, Elvira? Zurück finde ich schon alleine, aber ich möchte nichts verpassen.“

Elvira überlegte. Sie war total müde und wollte eigentlich nur noch schlafen, aber Marvin sah sie so lieb an, da konnte sie ihm seine Bitte nicht abschlagen.

„Na komm, stell dich dort drüben auf den Baumstumpf, dann fang ich dich ein.“ Marvin ließ sich nicht lange bitten. Ruckzuck stand er auf dem Baumstamm und richtete sich auf. Die Vorderpfoten streckte er weit von sich. Elvira ließ sich von ihrem Ast fallen, breitete die Flügel aus und schoss auf Marvin zu. Ihre Füße mit den scharfen Krallen griffen unter seine ausgestreckten Pfoten und schon war er in der Luft. Es kitzelte etwas, als Elviras Krallen ihn erwischten. Marvin kicherte.

„Hör auf zu lachen, sonst rutscht du mir noch durch die Krallen. Von hier oben bleibt nicht viel von dir übrig, wenn du fällst“, warnte Elvira.

Marvin wagte einen kurzen Blick nach unten und verstand. Augenblicklich hörte er auf mit dem Zappeln und machte sich steif. Aus der Luft herunterzufallen war kein Spaß. Der Wind pfiff ihm um die Ohren und plusterte sein Fell ordentlich auf. Vorsichtig fiel sein Blick nach unten. Dort drüben, das musste die alte Eiche sein. Wie klein sie auf einmal war. Der Bach war nur noch ein schmales, silbernes Band und sah gar nicht mehr gefährlich aus. Alles war so klein geworden, dass Marvin kaum noch erkennen konnte, wo sie gerade waren. Am Horizont sah er Rauchwolken aufsteigen.

„Es brennt, Elvira, es brennt! Lass uns schnell runter und die Tiere warnen!“, rief er aufgeregt.

„Dummerchen, das ist doch nur das Dorf. Das ist Rauch aus den Schornsteinen. Wir sind gleich da. Mach dich zur Landung bereit. Ich muss dich etwas fallen lassen, denn mit dir zusammen kann ich nicht landen.“

„Alles klar. Danke Elvira!“

Elvira setzte zur Landung an. Etwa einen Meter über dem Boden ließ sie los. Marvin federte den Sturz ab, kullerte noch einen halben Meter, dann stand er wieder auf seinen Pfoten. Er bedankte sich höflich bei Elvira, die zwei Meter weiter auf einem Ast saß.

„Vielen Dank, das ging ja ratzfatz. Bleibst du auch hier?“, wollte er wissen. Elvira schüttelte den Kopf.

„Das ist nichts mehr für mich. Früher habe ich auch mitgemacht, aber jetzt bin ich dafür zu alt. Ich werde wieder zu unserem Baum fliegen und schlafen. Ich war die ganze Nacht auf den Flügeln, jetzt bin ich müde.“ Sie gähnte, dann breitete sie die Flügel aus, bereit zum Abheben. „Bis später und viel Vergnügen“, rief sie Marvin noch zu, hob ab und war sogleich hinter den Bäumen verschwunden.

– – – – – – – – – – – – – – –

Marvin sah sich um. Die Lichtung, auf die Elvira ihn hatte plumpsen lassen, war nicht groß, aber schon ordentlich belebt. Er war nicht der Einzige, den der Wettbewerb interessierte. Die Teilnehmer waren schnell entdeckt. Vier Vögel hatten sich ein Nest in einem Gebüsch über einem Wiesenstreifen gebaut und saßen schützend auf ihren Eiern. Eine Goldammer, ein Neuntöter-Weibchen, eine Gartengrasmücke und ein Gartenrotschwanz-Weibchen. Es war zwar schon Frühjahr, aber der Boden war noch zu kalt. Im Nest waren die Eier geschützter.

Marvin reckte sich, um alles zu überblicken. Vom Kuchen war noch nichts zu sehen. Er war also noch rechtzeitig angekommen. Langsam wurde die Lichtung voll. Marvins Bauch knurrte und erinnerte ihn daran, dass er noch nicht gefrühstückt hatte. Da von Hermann mit dem Kuchen noch nichts zu sehen war, beschloss Marvin, sich erstmal etwas zu essen zu suchen. Wer weiß, wie lange das noch dauerte. Auf der anderen Seite der Lichtung glaubte er beim Anflug Haselnuss-Sträucher gesehen zu haben. Das wollte er untersuchen.

Schnell huschte Marvin in die Richtung. Er konnte die Sträucher schon sehen, als sie auf einmal wackelten. Augenblicklich stoppte Marvin seinen Lauf. Wachsam kontrollierte er die Gegend. Wackelnde Büsche waren nicht normal. Wer weiß, was sich da drin verbarg. Womöglich lief er direkt Ferdinand Fuchs vor die Schnauze. Der hätte ihm gerade noch gefehlt. Ferdinand war immer hungrig und Marvin wollte nicht sein Frühstück werden.

Aufmerksam und fluchtbereit beobachtete er das zappelnde Gebüsch. Da, ein roter Schwanz. Ferdinand?

Marvin wollte gerade losrennen, da vernahm er ein ansteckendes Kichern aus dem Busch. Gleich darauf kugelten Erwin Eichhörnchen, ein alter Freund von Marvin,  und seine Enkel aus dem Grün. Die Eichhörnchen tobte wie eine wilde Horde auf die Lichtung. Erwin, der Opa der Bande, folgte langsamer. Als er Marvin erkannte, winkte er ihm freundlich.

„Hallo Marvin. Haben dich meine Enkel erschreckt? Keine Sorge, die sind nur übermütig und freuen sich auf den Wettbewerb.“

„Ach Erwin, du bist das.“ Marvin seufzte erleichtert. „Ich dachte schon, Ferdinand stört wieder die gute Stimmung.”
Marvin kicherte.

“Es ist aber auch zu blöd, dass eure Schwänze die gleiche Farbe haben. Das kann einen schon erschrecken.“

„Hihi, da könntest du recht haben“, kicherte Erwin und strich sich seine weiße Strähne aus der Stirn. An der Stelle hatte er einmal einen Zusammenstoß mit Ferdinand und seit dem wuchsen dort keine roten sondern nur noch weiße Haare. Sie erinnerte ihn daran, dass man Ferdinand nicht trauen durfte.

„Ihr wollt also auch zu dem Wettbewerb?“

„Ja klar doch. Wir sind jedes Jahr hier. Ist Hermann schon aufgetaucht?“

„Ich habe ihn noch nicht gesehen. Den Kuchen, von dem Elvira mir erzählt hat, auch nicht. Ich dachte mir daher, ich such mir noch schnell etwas zu essen und komm dann gleich wieder.“

„Gute Idee. Wir haben schon gefrühstückt. Aber wenn du nur schnell etwas suchst, dann geh in die Richtung. Unter der Brombeerhecke habe ich letzten Herbst ein Depot mit Nüssen angelegt, das ich noch nicht geplündert habe. Das schenk ich dir, dann bist du schneller wieder da, als wenn du selber erst suchen müsstest.“

„Oh danke Erwin. Sobald das hier herum ist, kriegst du das auch wieder zurück. Bis gleich!“, freute sich Marvin und huschte in die Richtung, die Erwin ihm gezeigt hatte.

– – – – – – – – – – – – – – –

Er musste nicht lange suchen. Erwin war schon alt und nicht mehr so kräftig. Daher waren seine Verstecke auch nicht tief im Boden. Teilweise lugten sogar Teile der Beute aus den Blättern, die er über die Löcher mit Nahrung gelegt hatte. So auch hier. Zwischen alten braunen Blätter und jungem saftigen Grün, das von dem Grasfleck daneben herüber wuchs, entdeckte Marvin eine Haselnuss. Zwei Kratzer mit seiner Kralle später hatte er noch 3 weitere gefunden und ließ es sich schmecken.

Die Sonne schickte einige Strahlen zwischen den Bäumen hindurch. Sie trafen genau den Grasfleck, auf dem Marvin saß und an den Nüssen knabberte. Sie wärmte seinen Pelz und er ließ für einen Augenblick die Nuss sinken, die er gerade bearbeitet hatte. Er schloss die Augen und genoss die Stille und die Wärme.

Ein leises Rascheln riss ihn aus seiner Stimmung. Er blickte sich um und sah eine Henne aus dem Dorf traurig im Erdboden picken. Alles an ihr war traurig. Das Gefieder hing herunter, der Kopf war gesenkt, die Bewegungen langsam und müde.

Marvin wollte sie nicht erschrecken, also sprach er sie leise an.

„Hallo, du da. Was ist mit dir?“

Die Henne erschrak und kippte einfach um. Wie ein Stein lag sie da und rührte sich nicht mehr.

Oh nein. Hatte er sie umgebracht? So erschreckt, dass ihr Herz aussetzte? Marvin kam langsam näher und tippte vorsichtig die Henne an. Er wollte sehen, ob sie noch lebte.

Das weckte die Henne und sie schüttelte sich. Marvin war erleichtert.

„Geht es dir gut? Du bist einfach umgekippt. Ich wollte dich nicht erschrecken.“

„Ach je, das passiert mir immer wieder. Tut mir leid, es muss schlimm für dich ausgesehen haben. Auf meinem Hühnerhof sind sie es schon gewohnt. Die „hektische Herta“ nennen sie mich da. Mir geht es gut. Keine Sorge.“

„Aber du siehst traurig aus. Was ist los? Kann ich dir helfen?“

„Leider nein. Es ist nur wieder dieser Wettbewerbstag. Der macht mir Sorgen.“

„Wieso? Und warum bist du hier und nicht dort drüben auf der Lichtung?“

„Ach, ich bin nie dabei. Wozu auch. Da werden die schönsten Eier präsentiert. Ich lege doch nur weiße Eier. Die sind langweilig. Und die will keiner sehen. Da brauche ich nicht mal anzutreten.“ Herta seufzte. „Ich habe sie gesehen, die anderen Eier. Dort drüben vom Gebüsch aus.“ Sie zeigte auf das Gebüsch, in dem noch vor kurzem Erwin mit seinen Eichhörnchen herumgeturnt hatte.

„Hast du es denn schon einmal probiert?“

„Ja, im ersten Jahr. Ich hatte ein wunderschönes, gleichmäßig geformtes Ei. Ganz glatt und glänzend. Aber sie haben mich alle ausgelacht. Da wären ja keine Muster drauf. Es wäre so langweilig.“ Ihr kullerte eine Träne aus dem linken Auge bei der Erinnerung. „Sie haben ja recht. Mein Ei war langweilig wie es mein Leben ist.“ Traurig ließ sie den Kopf hängen und pickte lustlos nach einem Wurm.

Marvin tat Herta leid. Er hätte ihr gerne Trost gespendet, aber so recht fiel ihm auch nicht ein, wie er das machen sollte. Vor Trauer, dass er Herta nicht helfen konnte, schmeckte ihm nun die Nuss auch nicht mehr. Er legte sie mit den anderen wieder in das Loch und deckte alles sauber ab. Damit das Versteck nicht gleich wieder gefunden werden würde, kratzte er noch ein paar Brombeerreste über das Loch.

Nachdenklich drehte er sich wieder um und schlug den Weg zur Lichtung ein. Grübelnd folgte er Herta, die sich wieder unter dem Gebüsch verstecken wollte, wohl wissend, dass der Preis auch dieses Jahr nicht an sie gehen würde.

Marvins Pfoten blieben an einem Blatt kleben. Er stoppte und zog sich das Blatt von der Kralle. Darunter war die Pfote dunkel-lila. Marvin stutzte. Blut konnte das nicht sein. Blut war rot – es war nicht lila. Und hätte er eine Wunde, dann hätte auch die Kralle wehgetan.

Verwirrt schüttelte er den Kopf. Wieso lila? Suchend, als hätte der Wald die Antwort, sah er sich um. Sein Blick blieb an dem Brombeergestrüpp hängen.

„Brombeeren … Beeren … Saft … Farbe … Farbe?“ Er eilte zurück zum Gestrüpp und suchte an der Stelle, an der er seine Nüsse vergraben hatte. Dort wurde er fündig. Eine vertrocknete Brombeere aus dem letzten Herbst lag im Tau und war etwas aufgeweicht. Als Marvin die Brombeerblätter und –zweige über die Nüsse gekratzt hatte, hatte er mit den Krallen die Brombeere erwischt. Dort, wo sie aufgeweicht war, glänzte es lilafarben in der Sonne.

Marvin kam eine Idee. Schnell lief er Herta nach. Einen Versuch war es wert, fand er.

– – – – – – – – – – – – – – –

Auf der Lichtung wurde es langsam voll. Hermann war eingetroffen und hatte den Kuchen hinter sich hergezogen. Ein starkes Stück Arbeit, aber er sonnte sich auch im Lob der anderen Tiere.

Die Vogelmütter drängten schon. Sie wollten das Ergebnis.

„Hey Hermann, wie lange dauert es denn noch? Mein Küken schlüpft gleich. Ich habe nicht mehr viel Zeit“, riefen sie.

Hermann ließ sich nicht hetzen. Er genoss noch eine Weile das Lob, schließlich hatte er dem Hofhund getrotzt und sich redlich abgemüht, den runden Kuchen bis zur Lichtung zu rollen. Jetzt hatte er ordentlich Hunger, zumal der Kuchen verführerisch duftete.

„Immer mit der Ruhe, die Damen. Ihr wisst doch, wann es losgeht. Noch ist die Sonne nicht am höchsten Punkt. Ich muss mich jetzt erstmal stärken. Solange müsst ihr noch warten.“

Die Vogelmütter murrten, aber keiner achtete auf sie. Es hatten sich mittlerweile auch andere Vögel des Waldes eingefunden. Dazu einige Mäuse, die hofften, von dem Kuchen etwas abzunagen, bevor er völlig im Nest einer der Mütter verschwunden sein würde. Eine Ricke mit ihrem Rehkitz knabberte am Rasen, nahe der Nester. Die Vogelmütter zeterten so lange, bis sie auf die andere Seite der Lichtung wechselte. Im Schatten auf der Nordseite des Platzes war die Erde vom letzten Regen noch weich, da hier die Sonne nicht hinkam. Dort suhlten sich einige Wildschweine mit ihren Frischlingen im Dreck und genossen es.

Hermann aß sich satt, dann trommelte er mit seinen Läufen auf einem abgesägten Baumstamm, der die Mitte der Lichtung markierte.
Augenblicklich wurde es still. Alle Augen waren auf ihn gerichtet.

„Also“, er räusperte sich kurz, dann fuhr er fort, „also wir haben uns hier versammelt, um die alljährliche Eierbegutachtung durchzuführen. Wer hat das schönste, größte, originellste Ei?”

„Nun mach schon, mein Küken klopft schon!“
„Beeil dich.“

Hermann ließ sich nicht hetzen. Aufrecht auf zwei Beinen, damit er größer wirkte und auch jeder ihn sehen konnte, wankte er auf das erste Nest zu.

Die Vogelmutter flatterte kurz auf einen Ast über ihrem Nest und alle größeren Tiere konnten einen Blick auf das Gelege erhaschen. Drei gesprenkelte rötlich-braune Eier lagen im Nest. Neuntöter-Eier. Zwei kleinere und ein etwas größeres Ei. Das Größere wackelte heftig. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis das Küken schlüpfen würde. Kein Wunder also, dass seine Mutter gedrängt hatte.

„Hmm, hmm. Schön, schön. Welches Ei meldest du zum Wettbewerb an?“ Hermann brummte in seinen Bart und strich sich mit den Vorderpfoten die Schnurrbarthaare in Form. Die Neuntöter-Vogelmutter deutete auf das größte. „Selbstverständlich dies hier. Ist doch klar.“

Hermann nickte.

„Das nächste bitte.“

Auch hier der gleiche Ablauf. Diesmal waren die Eier eher weiß mit unregelmäßigen braunen Flecken. Auch hier wackelte das größte Ei bedenklich.

So ging das fort bis zum letzten Ei, das Ei der Gartenrotschwanz-Mutter. Strahlend blau ohne jeden Fleck lag es im Nest. Seine Mutter platzte fast vor Stolz und trillerte einen Jubelschrei in die Luft. Sie konnte nicht verlieren. Das musste das tollste Ei sein. Da war sie sich absolut sicher.

Hermann ließ sich auf alle Pfoten zurückfallen und hoppelte erneut zum ersten Ei. Er ließ sich Zeit. Alle warteten nur auf seinen Richterspruch und das bisschen Aufmerksamkeit im Jahr wollte er sich nicht kürzen lassen.

Während er sich vor dem ersten Ei erhob, um noch einmal in das Nest zu blicken, erklang ein leises Knacken aus dem dritten Gelege. Nur einen Augenblick später kamen ein Milchzahn und einige feuchte Federn zum Vorschein.

Alle stürzten zu dem Nest und beglückwünschten die Mutter.

Da knackte es im Nest daneben, dem zweiten.

Die Tiere blickten gespannt auf das zweite Nest. Auch hier brauch die Schale und während sich noch das Küken ins Licht boxte, gingen zeitgleich das größte Ei des ersten und des letzten Geleges zu Bruch.

Die Tiere staunten nicht schlecht. Vier Küken fast zeitgleich hatte es noch nie gegeben.

Alle gratulierten. Aber auf einmal kam aus dem Hintergrund eine Stimme.

„Die sehen ja alle gleich aus!“

Totenstille.

Alle drehten sich zu der Stimme um. Ein vorwitziges Eichhörnchen aus Erwins Gefolge hatte sich einen Platz auf einem Ast gesichert, der über einem Teil der Lichtung ragte. Von diesem erhöhten Platz hatte es den Überblick und erkannte sofort, was den anderen Tieren auf der Lichtung erst langsam dämmerte.

In jedem Nest saß ein Küken, das den Küken der anderen Nester aufs Gefieder glich.

Hermann kratzte sich am Kopf und überlegte. Sowas Ungeheuerliches hatte es in den langen Jahren des Wettbewerbs noch nie gegeben. Was war geschehen?

Da öffnete das erste Küken seinen Schnabel und verlangte nach Futter.

„Gu-kuh, gu-kuh!“

Die anderen Küken fielen mit ein in den Ruf.

„Gu-kuh, gu-kuh, gu-kuh!“

Der Ruf des Kuckucks …

Es fiel allen wie Schuppen von den Augen. In jedes Nest hatte ein Kuckuck sein Ei gelegt. Und da, wie allen bekannt war, Kuckuckmütter sich nicht um ihre Jungen kümmern, hatten sie nur die Farbe angepasst. So war es nicht aufgefallen und sie überließen es anderen, sich um die Küken zu kümmern.

„Hmm, also so geht das nicht. Wie soll ich einen Sieger wählen, wenn alle gleich aussehen?“, raunzte Hermann. „Hat nicht noch einer ein Ei, dass er zum Wettbewerb anmelden kann?“

Stille trat ein. Keiner rührte sich.

Marvin, der mit Herta unter dem Busch saß, stupste Herta kurz in die Seite.

„Los jetzt. Deine Chance.“

„Meinst du echt?“

„Klar doch. Wenn nicht jetzt, wann dann? Los, trau dich.“

Er schob sie von hinten unter dem Busch vor. Alle Augen blieben an Herta hängen.

Schüchtern hob sie einen Flügel. „Ich, … ich hätte noch eins.“

Ein gewaltiges Getöse kam von den Vogelmüttern auf ihren Nestern.

„Was willst du denn?“

„Du hast doch nur hässliche weiße Eier.“

„Geh nach Hause und kratz weiter im Dreck!“

„Also wirklich, was glaubt sie, wer sie ist“, empörten die Vögel sich.

Herta zuckte zurück und wollte schon wieder unter dem Busch verschwinden, aber Marvin versperrte ihr den Rückzug.

„RUHE!“, brüllte Hermann so laut er konnte und trommelte zusätzlich auf dem Baumstumpen, um sich Gehör zu verschaffen.

„Ruhe sag ich. Ihr hattet eure Chance. Ich will sehen, was Herta hat.“

Marvin meldete sich. „Hier ist Hertas Ei. Ich war selbst dabei, sie hat es höchstpersönlich gelegt.“

Bei den Worten versteckte Herta verschämt den Schnabel unter einem Flügel. Marvin statt dessen rollte ein Hühnerei auf die Lichtung.

Aber was war das für ein Ei!

„Oooooch!“, entfuhr es allen Tieren und viele standen mit offenem Mund da und sie staunten. So ein Ei hatte noch keiner von ihnen je gesehen.

Auf dem glänzenden Weiß der Eierschale war ein bildschönes Muster aus Kringeln und Strichen in Lila angebraucht. Genauer gesagt in Brombeer-Lila.

Andächtig bestaunten die Tiere die gleichmäßigen Punkte und Striche. Sie gingen einmal, zweimal um das Ei, aber sie konnten keinen Fehler entdecken.

„Also das, … also das ist wirklich das tollste Ei, dass ich je gesehen habe. Stimmt ihr mir zu?“, fragte Hermann in die Runde.

Alle waren einverstanden. Herta hatte das schönste Ei des Jahres.

„Dann verkünde ich hiermit: Herta, du bist die diesjährige Siegerin. Vielen Dank für das schöne Ei. Der Kuchen ist dein.“

Herta war so aufgeregt, den letzten Satz bekam sie schon nicht mehr mit. Sie kippte wieder um.

Marvin huschte an ihre Seite und weckte sie. Ein Strahlen ging über ihr Gesicht. Ein solches Strahlen, dass es Marvin ganz warm ums Herz wurde.

„Vielen Dank“, flüsterte Herta. Dann räusperte sie sich und wandte sich an die anderen Tiere.

„Ich danke Euch. Das hätte ich so nicht erwartet. Ihr habt mir einen wunderschönen Tag beschert. Daher möchte auch ich etwas zurückgeben. – Da ich nicht mit dem Sieg gerechnet habe, möchte ich den Kuchen gerne für alle frei geben. Bedient euch. Ich bin so glücklich, ich brauche keinen Kuchen zusätzlich. Esst und freut Euch mit mir. Das ist mir genug.“

Na da war aber was los. Alle redeten durcheinander. Dann machten sie sich über den Kuchen her und von dem anschließenden Fest haben sie noch lange erzählt.

Hermann, der Hase, änderte die Regeln für das nächste Jahr. Nur noch gefärbte Eier durften an dem Wettbewerb teilnehmen, da so jeder eine Chance bekam, nicht nur die Vögel, die von Natur aus hübsche Eier hatten.

Marvin aber betrachtete seine Pfote, die brombeerlila verfärbt war, grinste und machte sich auf den langen Heimweg.

Ende – oder doch nicht?

Vielleicht helft Ihr das nächste Mal,
wenn Helga wieder ein schönes Osterei benötigt. Viel Spaß.


Aufgrund der neuen Datenschutzregeln wurden sämtliche Bilder entfernt, auch wenn sie der Institution Pixabay entnommen wurden.
Es ist schade, aber vielleicht kann ich bald eigene Bilder nachliefern.
Ich bemühe mich. Versprochen.

 

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Es hat sich gelohnt. Meine erste Rezension!

Sie ist da. Meine erste Rezension.
Und was für eine.
Seht selbst:

Zur Rezension

Da habe ich doch wohl alles richtig gemacht.
Oder zumindest fast.
Am Rest arbeite ich, versprochen.

Sollte der Link nicht funktionieren,
hier die Worte der ersten Rezension zum Nachlesen.

Kundenrezension

am 8. Dezember 2017
Herbert ist ein Protagonist, den man nicht auf der ersten Seite ins Herz schließt, aber spätestens auf der letzten. Immer schlecht gelaunt, immer verärgert, immer über das Leben klagend – aber wer kann’s ihm verübeln? Brezelverkäufer, Radiomoderatorinnen, ungeliebte Hunde von ungeliebten Nachbarn rauben ihm den letzten Nerv – oder das, was davon noch übrig ist, nach den vielen Jahren, die er seine Exfrau ertragen musste.
Herbert fängt an, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und sich all der Ärgernisse zu entledigen.
Die Autorin schreibt witzig, lebhaft und detailverliebt. Wer mal herzhaft lachen will, der ist hier richtig.
Eine flotte Lektüre, die ein Schmunzeln ins Gesicht zaubert und es dabei noch schafft, Lektionen fürs Leben zu vermitteln.
Eine klare Kaufempfehlung von mir!

So wird man Schreiberling (Autor/Schriftsteller)


Agatha – Schreiberling.

Ihre Werte, ihre Motivation, ihre Werke.

Diese Seite soll Ihnen die Gelegenheit geben, mich kennenzulernen.
Mich, meinen anthrazitfarbenen Humor und meine Werke.


Ich bin ein Schreiberling, kein Autor.
Ich schreibe aus Lust und meist aus Genuß.
Hauptberuflich und nebenberuflich.


Schon als Kind war ich eine Leseratte und liebte es,
mit jedem geschriebenen Wort in andere Welten abzutauchen und
habe Menschen bewundert, die mit Worten Bilder malen konnten.
Selbst zu schreiben schien unmöglich. Mehr als 3 Seiten – ein Krampf.
Meine Gedanken waren immer schneller als meine Finger.
Meine Aufsätze in der Schule erträglich – nie perfekt.
Kein Wunder bei Themen wie “Schnee – mitten im Sommer –
in 45 Minuten – in einer Stadt, die Schnee nur von Bildern kennt.
Seuffz.


Immerhin konnte man meine Liebe zur deutschen Sprache nicht kleinkriegen.
Ihre Vielfalt und Schönheit, auch wenn sie es einem oft nicht leicht macht.
Mit den Jahren kamen:
– Erfahrungen zu handwerklichem Geschick,
– Beobachtungen zu Bewertungen,
– Analyse zu Inspiration.
Und viele, viele gelesene Bücher.


Die meisten waren gut, manche besser, einige grottenschlecht.
Man sagt oft: Dies ist so schlecht, das kann ich bestimmt besser.
Und wird tatsächlich aktiv – meist für einen selbst überraschend.

Letztes Jahr war es bei mir so weit. – Gedichte schrieb ich schon länger.
Aber erst ein unterirdisches Kinderbuch brachte mich zum Schreiben.

Wohlgemerkt: Als Test – Nur für mich.
Erst ein Kinderbuch, dann eine Kriminalgeschichte.
Dann kam die Neugier und ich habe “Bewertungen” eingeholt.
Die Reaktion kam schneller als gedacht. Kaum zu glauben:
Aber man bestärkten mich, das weiter zu verfolgen.
Danke Euch.


Denn nun schreibe ich aus Leidenschaft.
Bücher, die ich selbst gerne gelesen hätte.
Solche über das Leben, mit all seinen schrägen Momenten.
Denn wer immer den Menschen geschaffen hat,
er muss Tränen gelacht haben.
Und glücklicherweise habe ich einen Verlag gefunden,
der meinen Humor teilt. Herzlichen Dank,  JustTales Verlag.

Meine Werke:

Ich schreibe Kriminalgeschichten, Kinderbücher, ab und zu Gedichte.
Merkwürdige Kombination? Nein, das passt schon. Ich bin Romantiker.
Weder Mensch noch Tier sind immer nett, niemand immer böse,
viele Stimmungen beeinflussen unseren Alltag und machen das Leben bunt.
Und ich darf sie alle ausleben und kann dabei andere erfreuen.

Gibt es was Besseres?

Woran kann man feststellen, dass Wochenende ist?

Habt Ihr auch bemerkt, dass sich mit der Zeit das Gefühl für Wochenenden ändert?
Komisch ist das schon. Das Wochenende liegt immer noch hinter Donnerstag und vor Montag, aber es fühlt sich mittlerweile anders an.
War es früher soooo lange noch hin und die Woche gähnend lang, so ist es jetzt doch schneller da (und leider auch schneller rum), und ich zumindest frage mich, wo die Zeit geblieben ist.

Wenn das so weitergeht, dann bin ich irgendwann mal 70 und jeder Tag ist Wochenende,
weil ich dazwischen nichts mehr mitbekomme.
Hey, könnte eine geile Idee sein, wenn da nur nicht das Problem mit der leidigen Verwandschaft wäre. Oder der zwangsadoptierten Verwandschaft (des Partners).
Wenn die jetzt alle 7 Tage nerven, dann habe ich das mit 70 jeden gruseligen Tag, den ich noch lebe. *Brrrr. Nette Aussichten, oder?

Mal überlegen:
Vielleicht muss ich die Woche einfach an einem Mittwoch anfangen lassen.
Sollte ich dann die Tage bis zum neuen Wochenende am Dienstag vergessen,
habe ich die bucklige Verwandschaft auch “mit”vergessen.
Hey, das klingt nach einem guten Plan.

Tja Wochenende. Mittlerweile, geschafft von der Woche, hängt man oft nur auf der heimischen Couch ab. Körperzellen sollen sich ja abnutzen, aber auch erneuern. Aber irgendwo muss im Erneuerungsprozess eine der Zellen falsch abgebogen sein. Wo bleiben meine Aktivitäts-Zellen? Die ich noch mit 20 hatte? Das Wochenende vollgepackt mit Events, dass dagegen die Woche nur abstinken konnte, weil es soviel Abwechlung im Job nicht gab.

Jetzt hol ich mir die Abwechslung, wie viele andere, mit der Glotze nach Hause.
Fernseh-Mikado.
Stillsitzen, konsumieren. Keine Bewegung (Snacks und Getränke sind von der Regelung ausgenommen). Wer zuerst nach der Fernbedienung greift, hat verloren.
So ruhig merkt man natürlich nicht den Unterschied zwischen der Woche und dem Wochenende und die Tage beginnen zu rennen. Immer schneller auf das Alter zu. Da hilft nur Ablenkung. Wer will schon in der Blüte seiner Jahre an deren Vertrocknen erinnert werden.
Ok. Also Fernsehen: Was gibt´s denn heute?

Man hat die Qual der Wahl, wenn es um einen guten Film geht. Jeder Sender haut am Wochenende die besten Stücke raus. Als wäre man immer nur an einer Sache interessiert.
Wie Schubladendenken, das mir schon immer verhasst war.
Agi mag Krimis, also darf sie keine romantische Komödie sehen (läuft zeitgleich).
Oder doch lieber eine Dokumentation über das Weltall? (Ist morgen immer noch da!)
Und der Animationsfilm von Pixa, den sie aber im Kino verpasst hat? (Nur für Kinder … oder?)
Ehrlich: Manches Mal sehne ich mich zurück in die Zeit,
als es nur 3 (in Worten: drei) Fernsehprogramme gab.
Selbst da konnten Interessensüberschneidungen stattfinden,
aber es waren deutlich weniger.

Ausgehen sollte man wieder. Wie früher. Au ja.
Keine Programmwahl, nur die Frage des Kellners, was man trinken mag.
Passt die Musik nicht, hört man das schon auf der Straße und geht einfach weiter, ohne sich erst “reinhören” zu müssen.
Keine Verwandschaft, nur Freunde. Und die Option, noch mehr neue Freunde kennenzulernen, ohne von ihren geposteten Tellern genervt zu werden.
Echte Menschen, bei denen man sieht, ob sie lachen oder nur so tun als ob.
Seufz.

Auch das klingt nach einem Plan. Einem guten. So mach ich das.
In diesem Sinne … Tschüss bis nächste Woche.

 

Magerwahn – auf Facebook

Abnehmgruppen auf Facebook:
Ich werde das Gefühl nicht los, es sind zum großen Teil
Tauschbörsen für Rezepte von / für potenziell Magersüchtigen
und Halbwahrheiten. Aber Gefühle sind frei. Selbst meine.

Noch…


Magere Gedanken
(Gedicht)

Kurzer Ausflug in Diätwelten-Gruppe.
Ade Bratkartoffel, hallo Magersuppe?
->Festgestellt: Nicht “meine” Welt.

Entschieden, lieber entspannt zu genießen.
Zufrieden rundlich, lass nichts mir vermiesen.

4/5tel des Lebens: ich schlank – nix Diät.
Das sollte euch reichen, ja sogar das geht.

Kannst nicht jeden retten, ganz sicher mich nicht.
Muss jeder selbst wissen, ob ihn das anficht.

… Bleibt nun zum Schluss noch die Kardinals-Frage:
… Eis? Kuchen? Pizza? Und welche Beilage?…


Ja, meine “schlanken” Tage sind vorbei. Definitiv, vermutlich endgültig.
Vollschlank! Wer hat sich so ein Augenwischer-Wort nur ausgedacht.
Irgendwann packte mich aber der Ehrgeiz und ich wollte noch Mal …
Mein Jeans-Minirock, der gerade noch über einen Oberschenkel passte,
er hat mich dezent deprimiert. Gebe ich zu. Wenn auch nur kurz.

Voller Motivation also ab nach Facebook. Hier gibt´s Gruppen für alles?
Vom Fußpilz bis zum abgebrochenen Fingernagel wird einem geholfen.
Warum also nicht auch mir, dachte ich so.
Ein paar Erfahrungsaustausche und das Gefühl, nicht alleine zu kämpfen.
Und leckere Rezepte, die nicht nach Verzicht schmecken.

Als erstes musste ich feststellen, dass ich kein Deutsch konnte.
Xucker mit X. Muss ein Fehler sein, oder? Englische Tastatur und dann verrutscht.
Leider nein. Ich kann einfach kein Diät-Deutsch. Denn den gibt es.
Metabolismus, Detox, Grundumsatz, Formula, Glyx, usw. und so fort.
Zwei Wochen habe ich allein nur nachgelesen, wovon die Mitleidenden sprachen.
Jawohl Mitleidenden. Jubelrufe waren selten. Keiner war irgendwie zufrieden.

Dann beschloss ich, mich nur noch auf die Rezepte zu konzentrieren.
Ich öffnete also meinen Küchenschrank für Dinkelmehl und Xucker.
Und schloss ihn schnell wieder. Denn Abnehmen ist teuer.
Am sichersten nimmt man am Portemonnaie ab.
Eigentlich logisch: was man teuer bezahlt hat, um es auf die Rippen zu kleben,
sollte man genauso teuer auch wieder verlieren müssen. Strafe muss sein.

Immerhin, ich war immer noch willig. Habe mich durch Foren gelesen, nächtelang.
Und Menschen beobachtet. Menschen auf einer Mission gegen alles, was Spaß macht.
Nicht böse sein, ich kann nicht anders. Es ist mir wie eine zweite Haut.
Warum macht wer was warum und wie? Ich hinterfrage alles, selbst mich.
Es war schon merkwürdig. Ich habe ja oben erwähnt, dass nur wenige zufrieden waren.
Der Trend setzte sich fort. Wo immer ich hinkam, der gleiche Tenor:
“Ich habe jetzt 50 kg abgenommen, aber ich will 60. ” Oder:
“Ich habe vorgestern eine Pizza gegessen. Seit dem habe ich nicht mehr gesch… jetzt wiege ich 50 Gramm mehr. Wie kann das sein?”
Schlimm. Das zog mich herunter. Mehr noch als mein Jeans-Minirock.
(Nun gut, der wog aus Stoffmangel auch nicht so viel.)

Was mich dann aber wirklich aufregte, war ein Post, der mich erschreckte.
Falsch, dessen Antworten mich erschreckte. So muss das lauten.

Eine Dame meinte, sie würde jetzt nach Abnahme 65 kg wiegen und
wollte noch 10 weitere verlieren. Ihre Waage allerdings stockte und sie war verzweifelt.
Rasch kamen massenweise Tipps. Das aggressive Ping-Ping von Facebook ließ keine andere Beschäftigung mehr zu. Also wollte ich sehen, was da so megainteressant sein sollte. – Und habe alle Posts gelesen.

OMG.

Keiner, absolut keiner hinterfragte die Ausgangssituation.
Niemand wollte wissen, wie groß die Dame war. Wie sich das Verhältnis zusammensetzte, was sie vorher wog. Wieviel sie in welcher Zeit abgenommen hatte. Ob es realistisch war.
Wie alt war sie überhaupt?

Nun wusste ich aus eigener Erfahrung, dass 65 kg sehr schlank sein können.
(Oh schön war die Zeit. Da passte auch noch der Jeans-Mini!)
Und meine Gedanken waren bei der Posterin. Wer war sie?
War sie vielleicht nur 1,60m oder doch 1,80m?
Ich machte mir Sorgen, sie könne ins Untergewicht fallen.
Schlimmer noch: MAGERSUCHT
Denn wo ist die Grenze von schlank zu mager?
Wie lange ist Abnehmen gesund und ab wann wird man krank?

Ich musste eingreifen. Habe laut STOP gerufen und erstmal nachgefragt.

Und dann kamen die Shit-Posts!
Fast genau so viele wie vorher Tipps.
Ich war schlagartig der Anti-Christ der Abnehmgruppe.
Hallo? Geht´s noch? Was war mein Fehler?
Weil ich mir Sorgen um eine der ihren gemacht habe?

An dem Tag beschloss ich, mit etwas Speck auf den Rippen schlägt sich
mein Freund nicht die Knochen blau, wenn er mich umarmt.
Und das ist gut so.
In einer Gruppe zu sein, die sich so wenig um sich selbst kümmert,
und noch weniger auf andere Acht gibt, möchte ich nicht sein.
Niemals. Und niemals wieder.

Ich erklärte meinen Abschied, reimte das oben gepostete Gedicht und das war´s.
Und habe es nicht bereut.
(Und meinen Jeans-Mini hebe ich trotzdem auf. Er ist eine Erinnerung an eine andere Zeit. Nicht mehr und nicht weniger. Ohne Reue, ohne Depri.)

In diesem Sinne:
Man muss schon auf sich selbst aufpassen. Ein anderer wird es nicht tun.

Ich wünsche Euch einen entspannten Tag.

Herbststürme

  1. Herbststürme

“Schon wieder alles voll. Dabei war ich doch erst gestern dabei. Mist.”
Nelli schnaufte genervt und griff nach dem Straßenbesen. So toll die Bäume auch waren, im Frühjahr brüteten die Vögel und machten ein Ausschlafen am Wochenende unmöglich. Im Sommer waren sie so dicht, dass es im Zimmer immer kalt war und im Herbst hatte man die Blätterflut. Liegenlassen konnte sie die nicht, dazu war die Rutschgefahr zu groß.

Sie hatte gerade die Hälfte der Blätter entsorgt, da setzte der Regen ein. Schnell sah sie sich um, aber das war noch zu viel, was da lag. Dann musste das eben warten. Lag sowieso schon viel zu lange hier rum.
Sie griff nach dem Eimer mit den bereits gesammelten Blättern, entleerte ihn schnell in der braunen Tonne, dann sah sie zu, dass sie ins Haus kam.

Drinnen schüttelte sie sich, dass die Tropfen nur so von der Strickjacke purzelten.
“Zeit für einen heißen Kaffee!”

Während der Kaffee leise durch die Maschine gurgelte und sein Duft die Küche durchzog, überlegte sie, was sie sich dazu Gutes gönnen könnte. Sie fand, es war Zeit, sich zu verwöhnen. Jemand anderes würde es ja nicht mehr tun. Markus war weg.

Normalerweise wäre das Kehren seine Arbeit gewesen, aber er fand immer Gründe, warum es gerade jetzt nicht sein sollte. In letzter Zeit immer öfter. Und sie war so blöd gewesen und hatte die Zeichen nicht gesehen. Dachte, er wäre überlastet. Na ja, war er ja auch. Irgendwie. Nur nicht mit ihr.
Jedenfalls hatte es immer öfter Ärger gegeben, weil er seine vereinbarten Pflichten nicht erledigte oder aufschob. Bis der letzte Knall alles geklärt hatte. Wutentbrannt hatte er seine Klamotten gepackt und ihr erklärt, er würde zu Sandra gehen. Seiner Ex. Die würde nicht so zicken. Da wäre ein Mann noch ein Mann.

An dem Punkt angekommen, beschloss sie, Waffeln zu backen.
Backen entspannte. Backen war Therapie gegen den Kloß Tränen in ihrem Hals, der sich festsetzen wollte und der das Schlucken schwer machte.
Als sich der Duft der frischen Waffeln mit dem Kaffee mischte, setzte auch die beruhigende Wirkung ein. Die erste Waffel verschlang sie wie ein Tier. Das tat so gut und schmeckte nach mehr.
“Essen ist wohl doch die Erotik des Alters”, dachte sie sich schmunzelnd. Schnell waren die anderen Waffeln fertig. Und Markus vergessen.

Die Kaffeetasse in der einen, den Teller mit Waffeln in der anderen Hand, ging sie in ihr gemütliches Wohnzimmerchen und ließ sich auf ihrem altmodischen Sofa nieder. Eine Kerze stand noch auf dem Tisch. Die zündete sie an und genoss den warmen Schimmer. Es wurde schon früh dunkel, obwohl es noch nicht so spät war. Besser, sie machte die Rollos vor dem Fenster herunter, damit man nicht in ihr Zimmer sehen konnte.

Sie stand auf und griff nach dem Gurt. Ihr Blick schweifte noch einmal Abschied nehmend auf die untergehende Sonne vor ihrem Fenster und sie zuckte zurück.
Der neue Nachbar kam gerade nach Hause und blickte zu ihr hoch.
Hoffentlich hatte er sie nicht gesehen. Nachher käme er noch auf die Idee, sie könne die Straße ausspähen. Nicht auszudenken.

Sie ließ krachend das Rollo fallen und seufzte erleichtert. Jetzt konnte er ihr nichts mehr nachsagen. Gedankenverloren hielt sie noch immer das Gurtband des Rollos in der Hand.

Der Neue war schon ein Schnuckelchen. Wohlgebaut, leichte Strähnchen in den noch dunklen Haaren, die immer etwas wirr aussahen, als wäre er gerade nach einer heißen Nacht aus dem Bett gekrabbelt.

“Nelli, reiß dich zusammen. Du sabberst ja schon.” Energisch riss sie sich zusammen und wollte gerade wieder an ihren Kaffeetisch, als sie einen leisen Aufschrei hörte.

“Autsch, verdammt!”

Das kam doch von draußen! Sie drehte sich um und zog vorsichtig das Rollo circa zwanzig Zentimeter wieder hoch und schielte, durch ihre Blumen geschützt, nach draußen.

“Ach du dicke Backe.” Sie ließ das Rollo vor Schreck wieder herunterkrachen. Der Neue saß mitten in einer Pfütze auf dem Boden vor dem Haus und hielt sich schmerzverzerrt das Bein.

Ihre Schuld. Sie hatte die zusammengeschobenen Blätter zu seinen Füßen gesehen. Vermutlich war er auf ihnen ausgerutscht.
Das hatte sie nicht gewollt. Sie musste ihm helfen. Eilig griff sie sich den Schlüssel und huschte zur Haustür. Dabei überlegte sie krampfhaft, wie der Neue eigentlich hieß. Wie sollte sie ihn ansprechen?

An der Tür angekommen, hatte sie darauf immer noch keine Antwort. Egal, es würde ihr schon noch einfallen. Erstmal handeln. Fragen stellen konnte sie später.

“Kann ich Ihnen helfen?”

“Verdammte Blätter. – Ja, danke, wenn Sie mir aufhelfen könnten? Ich glaube, ich habe mir den Knöchel verstaucht. – Mann, tut das weh.”

“Es tut mir leid. Ich wollte sie schon weghaben, aber der Regen …” Sie wurde vor lauter Schuldbewusstsein immer leiser, bis ihre Stimme endgültig verstummte. Mit hängenden Kopf und eingezogenen Schultern lief sie die drei Stufen zu ihm herunter und griff ihm unter die Arme, um ihn hochzuziehen.
“Tolle Muskeln”, schoss es ihr durch den Kopf. Irritiert schüttelte sie den Kopf und griff fester zu, um ihn aufzuheben.

“Autsch!”

“Entschuldigung!”

“Nein, nein, ist schon gut.” Er kniff die Zähne zusammen. Sie sah es. Und fühlte sich noch beschissener.

Einen Arm um ihren Hals, die linke Hand auf dem Handlauf, krabbelte er die Treppenstufen hoch. Er musste sich schwer auf sie stützen. Aber sein Arm war kräftig und warm. So dicht war sie einem Mann seit Markus Auszug nicht mehr nahe gekommen. Es fühlte sich gut an. Ein leichtes Kribbeln machte sich in ihrem Magen breit, dass sie schon lange nicht mehr so empfunden hatte. Irritiert konzentrierte sie sich wieder auf ihre Hilfsaktion.

“Es tut mir leid. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes. Ich wollte die Blätter längst weggefegt haben, aber ich wurde vom Regen überrascht.”

“Nein, ist schon gut. Ich hätte auch aufpassen können. Die Blätter waren ja gut zu sehen. Ich bin nur etwas mit dem Knöchel umgeknackst. Nicht weiter schlimm. Ich kenn das schon. Passiert mir immer wieder. Seit ich in der zehnten beim Fussball mir den Knöchel gebrochen habe.”

Sie glaubte ihm kein Stück. Typische männliche Beruhigungstaktik. Sie fühlte sich schuldiger als zuvor. Da hatte er eine alte Knöchelverletzung und sie hatte es schlimmer gemacht.

“Kommen Sie doch erstmal zu mir. – Ich wohne in Parterre und habe noch einen Coolpack im Gefrierschrank. Der Fuß muss schnell gekühlt werden, sonst schwillt der so an, dass sie nicht mehr in den Schuh können.”

“Danke. Aber Sie müssen sich keine Mühe machen. Das geht schon irgendwie.”

Gelogen. Aber so süß gelogen.

“Keine Debatte. Ich kann Sie so nicht die Treppe hochkrabbeln lassen. Ich schulde ihnen zumindest ein Coolpack und einen heißen Kaffee. Waffeln habe ich auch noch.”
Erstaunt über ihren Mut griff sie noch einmal fester um seine Rippen und zog ihn zu ihrer Eingangstür. Kein Gramm Fett. Ganz anders als Markus. Der hatte mit seinem ständigen Fast Food die letzten Reste seiner kaum vorhandenen Mukkis längst überlagert. Mehrfach.

“Waffeln? Da kann ich nicht nein sagen.” Er lächelte unter Schmerzen. Ein bezauberndes Lächeln.

Sie spürte das Blut in die Wangen schießen. “Schnell wegsehen, bevor er es bemerkt”, dachte sie und wurde trotzdem rot. Auch das noch.

Die Tür war etwas zu eng für beide. Sie musste sich dicht an ihn drücken, um hindurch zu kommen. Ein Schwall herbmännliches Rasierwasser kroch in ihre Nase. Lecker.

“Oh, das sieht aber gemütlich aus. Aber ich bin in eine Pfütze gefallen. Ich werde ihnen das Sofa total durchweichen!”

“Das macht nichts, aber ich hole Ihnen schnell ein Handtuch. Können Sie sich hier an der Lehne kurz festhalten, während ich das Handtuch hole?”

“Ja klar.”

Sie huschte in ihr Schlafzimmer und griff sich das erste Handtuch, das sie erwischte, ohne lange nachzudenken. Dann eilte sie zurück zu ihrem Patienten. Sie breitete das Handtuch über ihren Lieblingsplatz und half ihm, dort Platz zu nehmen. Sie rückte noch ein Sesselchen in die Nähe und hob den geschädigten Fuß darauf.

“Einen kleinen Moment noch. Ich hole nur das Coolpack.”

“Kein Problem. Ich bin hier gut aufgehoben.” Sein anerkennender Blick schweifte durch die Wohnung und blieb an ihr hängen. Ihm schien zu gefallen, was er sah.

Sie flüchtete in die Küche und lehnte sich aufatmend an die Spüle. Die ganze Sache kam ihr so unwirklich vor. Da hatte sie sich erst vor einem Monat von Markus getrennt und schon hatte sie so ein Sahnestück auf ihrer Couch. Das würde ihr keiner glauben. Maria und Evelin schon gar nicht. Sie hatten sie immer wieder vor Markus gewarnt. Er sei ein Schmarotzer und ihrer nicht würdig. Wie recht sie hatten.

Was ihn an ihr gefallen hatte, war ihr schleierhaft.
Er hatte immer an ihrer Einrichtung herumgenörgelt. – Zu plüschig.
Ihr Essen hatte ihm nicht geschmeckt. – Zu grün.
Ihre Klamotten. – Zu wenig nuttig.
Na zumindest das hatte er jetzt nicht mehr. Seine Ex würde schon dafür sorgen, dass er im letzten Punkt nicht zu kurz kam.

Ihre Freundinnen hatten ihr ständig in den Ohren gelegen, sie solle sich unter den anderen Exemplaren der Spezies Mann umsehen. Jemand, der ihren Hang zur Gemütlichkeit auch schätzen würde. Irgendwann hatte sie nachgegeben und sich auf die Blinddates eingelassen, die ihr die Mädels vermittelten, doch die waren allesamt Reinfälle. Sie war wohl noch nicht bereit dazu. Das war´s.

Vorsichtig schielte sie um die Küchentür.

Er hatte es sich auf der Couch langgemacht und spielte gerade mit den Trotteln an ihren Kissen. Ein Buch, das sie noch schnell hinter dem Kissen versteckt hatte, als sie das Handtuch auf der Couch für ihn ausgebreitet hatte, fiel ihm in die Hände. Er las den Titel, dann legte er es auf die Ablage unter dem Couchtisch.
Oh nein. Ihren Schundschmöker musste er finden. Ausgerechnet. Wie peinlich. Sie wurde schon wieder rot.

Ab und zu gönnte sie sich eine Auszeit von der Fachliteratur, die sie sonst immer lesen musste, um auf dem Laufenden zu bleiben. Und genau diesen Roman ihrer Lieblingsschriftstellerin hatte er gefunden. Was er wohl von ihr denken mochte? Amanda Brown war der Inbegriff von Schnulze und damit höchst erfolgreich. Wäre es doch nur das Steuerhandbuch gewesen. Sie seufzte. Nichts zu machen. Jetzt war es zu spät, daran noch etwas zu ändern.

Er beugte sich zu den Blumen auf den Tisch und roch daran. – Ein Mann der Blumen mochte? Sie hatte gedacht, die wären ausgestorben.

“Wie heißen Sie eigentlich?  Wo ich schon hier ihre Couch belagere sollten wir uns vielleicht vorstellen. Ich heiße Thomas Weber und bin vor einem Monat im ersten Stock eingezogen.”

Ertappt zuckte sie von der Tür zurück.

“Ich heiße Nelli. Nelli Schäfer. Und ich wohne schon immer hier.” Sehr sinnig, wie geistreich  … und wie langweilig! Sie schlug sich auf die Stirn.

“Hey Nelli. Danke für die Hilfe und das Handtuch.”

Das Coolpack. Siedendheiß fiel ihr wieder ein, warum sie überhaupt die Küche betreten hatte. Sie griff sie es, holte noch schnell ein Geschirrhandtuch und wickelte den Kühlakku darin ein. Dann betrat sie mit dem Paket das Zimmer, in dem ihr Patient geduldig auf Hilfe wartete.

“Ah, das tut gut.” Der Knöchel sah nicht gut aus. Er war schon leicht angeschwollen. Sie wickelte das Handtuch enger um die geschwollene Stelle und stammelte erneut eine Entschuldigung, als er leicht zusammenzuckte.

“Kein Problem. Wird sicher gleich besser.”

“Kaffee?”

“Gerne. Und wenn ich darf, auch eine ihrer köstlichen Waffeln. So hat es immer bei meiner Mutter geduftet. Lecker.”

Na toll, er verglich sie mit seiner Mutter.

Nelli flüchtete zurück in die Küche und griff nach dem Geschirr. Die Tasse klapperte vernehmlich auf der Untertasse, so zitterten ihre Hände. Noch einen Teller für die Waffel, einmal tief durchatmen, dann drückte sie die Schultern durch, hob den Kopf und betrat wieder das Wohnzimmer.

“Es ist nur ein Mann. Ein Patient. Reiß dich am Riemen”, machte sie sich innerlich Mut. Sie lächelte ihn zaghaft an, als sie ihm die Tasse mit Untertasse reichte. Er griff mit seiner sehnigen Hand zu. Kein Ring. Gut.

Sie legte eine der Waffeln auf den Teller und stellte ihn vor Thomas auf den Tisch. Der griff beherzt zu und ließ ein anerkennendes “Mhhmmm” verlauten.

Schweigend genossen sie die Waffeln. Nelli schenkte ihm Kaffee nach. Er trank ihn in kleinen Schlucken und sie sah fasziniert zu, wie sich die Muskeln an seinem Hals beim Trinken bewegten. Seine Haut war noch vom Sommer leicht gebräunt. Das Karohemd im Holzfäller-Look stand ihm hervorragend. Dazu die braune Kordhose und die ebenfalls braunen Leder-Mokkasins. Sie kam sich in ihrer alten Jeans und dem noch älteren T-Shirt, das bei einer der letzten Wäschen eingegangen war und sich nun stramm um ihre Oberweite spannte, völlig unpassend gekleidet vor. Aber sie hatte ja auch nur Hausarbeit vorgehabt. Nichts hatte sie auf einen solchen Besuch vorbereitet.

“Schmeckt prima.”

Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch.

“Danke.”

“Ich hoffe, ich esse ihrem Besuch jetzt nicht die Waffeln weg?”

“Ich habe keinen Besuch erwartet. Die Waffeln waren nur für mich.”

“Keiner, der einer so schönen Frau an einen solchen Abend Gesellschaft leisten will?

“Nein, keiner.”

“Die Männer müssen blind sein. Was machen Sie sonst noch, außer hervorragend zu backen und gestrandete Männer zu retten?”

“Ach das sind doch nur Waffeln. Das ist nichts besonderes. Ich bin Buchhalterin.”

Jetzt kam es gleich. Das höflich reservierte Zurückziehen jeglichen Interesses wie sonst immer. Sie kannte das schon und wappnete sich innerlich.
Doch halt! Das klang anders als sonst.

“Ein verantwortungsvoller Beruf. Ich bewundere meinen Steuerberater immer, wie er alles in die richtigen Bahnen lenkt. Ich habe da leider so garnichts mit am Hut.”

“Was sind sie denn von Beruf?”

“Ich bin Schriftsteller. Zahlen sind nicht so mein Ding. Ohne mein Management wäre ich der meistgesuchteste Steuerbetrüger der Stadt.” Er lächelte. Ein Lächeln, dass ihr die Knie weich werden ließ.

“Ach das ist aber interessant. Was schreiben Sie denn?”

“Lassen Sie uns doch duzen. Das “Sie” klingt so steif. Sag Thomas zu mir.”

“Gerne, aber nur, wenn Sie Nelli zu mir sagen. Äh, ich meine, wenn “DU” Nelli sagst”, verbesserte sie sich rasch.

“Hallo Nelli.” Er reichte ihr seine Hand über den Tisch. Sie ergriff sie. Ein fester, warmer Händedruck. Er passte zu ihm.

“Thomas. Was schreibst du denn nun?”

“Jetzt wird es peinlich. Ich habe deine Bücher gesehen. Du liest Amanda Brown? Ich bin Amanda!”

“Wie?”

Sie starrte ihn verständnislos an.

“Amanda Brown. Ich bin Amanda. Sie ist mein Pseudonym.”

“Aber sie schreibt Liebesschnul… Liebesromane!”

“Sag es ruhig. Liebesschnulzen.” Er grinste spitzbübisch. “Ich bin nicht böse. Es ist ein gut bezahlter Markt.” Er lachte. Ein ansteckendes Lachen. So ansteckend, dass sie automatisch mitlachen musste.

“Und du hast mich gerettet.”

“Wieso habe ich dich gerettet?”

“Ich hatte eine Schreibpause. Eine Blockade. Aber ich glaube, sie ist heute zu Ende gegangen.”

Er lächelte sie schmelzend an. Sie konnte nicht anders. Sie musste zurücklächeln.

“Ohne das Ende kein neuer Anfang. – Wozu nasse Blätter doch gut sein können … Ich liebe den Herbst.”

“Ich auch …”