Woran kann man feststellen, dass Wochenende ist?

Habt Ihr auch bemerkt, dass sich mit der Zeit das Gefühl für Wochenenden ändert?
Komisch ist das schon. Das Wochenende liegt immer noch hinter Donnerstag und vor Montag, aber es fühlt sich mittlerweile anders an.
War es früher soooo lange noch hin und die Woche gähnend lang, so ist es jetzt doch schneller da (und leider auch schneller rum), und ich zumindest frage mich, wo die Zeit geblieben ist.

Wenn das so weitergeht, dann bin ich irgendwann mal 70 und jeder Tag ist Wochenende,
weil ich dazwischen nichts mehr mitbekomme.
Hey, könnte eine geile Idee sein, wenn da nur nicht das Problem mit der leidigen Verwandschaft wäre. Oder der zwangsadoptierten Verwandschaft (des Partners).
Wenn die jetzt alle 7 Tage nerven, dann habe ich das mit 70 jeden gruseligen Tag, den ich noch lebe. *Brrrr. Nette Aussichten, oder?

Mal überlegen:
Vielleicht muss ich die Woche einfach an einem Mittwoch anfangen lassen.
Sollte ich dann die Tage bis zum neuen Wochenende am Dienstag vergessen,
habe ich die bucklige Verwandschaft auch “mit”vergessen.
Hey, das klingt nach einem guten Plan.

Tja Wochenende. Mittlerweile, geschafft von der Woche, hängt man oft nur auf der heimischen Couch ab. Körperzellen sollen sich ja abnutzen, aber auch erneuern. Aber irgendwo muss im Erneuerungsprozess eine der Zellen falsch abgebogen sein. Wo bleiben meine Aktivitäts-Zellen? Die ich noch mit 20 hatte? Das Wochenende vollgepackt mit Events, dass dagegen die Woche nur abstinken konnte, weil es soviel Abwechlung im Job nicht gab.

Jetzt hol ich mir die Abwechslung, wie viele andere, mit der Glotze nach Hause.
Fernseh-Mikado.
Stillsitzen, konsumieren. Keine Bewegung (Snacks und Getränke sind von der Regelung ausgenommen). Wer zuerst nach der Fernbedienung greift, hat verloren.
So ruhig merkt man natürlich nicht den Unterschied zwischen der Woche und dem Wochenende und die Tage beginnen zu rennen. Immer schneller auf das Alter zu. Da hilft nur Ablenkung. Wer will schon in der Blüte seiner Jahre an deren Vertrocknen erinnert werden.
Ok. Also Fernsehen: Was gibt´s denn heute?

Man hat die Qual der Wahl, wenn es um einen guten Film geht. Jeder Sender haut am Wochenende die besten Stücke raus. Als wäre man immer nur an einer Sache interessiert.
Wie Schubladendenken, das mir schon immer verhasst war.
Agi mag Krimis, also darf sie keine romantische Komödie sehen (läuft zeitgleich).
Oder doch lieber eine Dokumentation über das Weltall? (Ist morgen immer noch da!)
Und der Animationsfilm von Pixa, den sie aber im Kino verpasst hat? (Nur für Kinder … oder?)
Ehrlich: Manches Mal sehne ich mich zurück in die Zeit,
als es nur 3 (in Worten: drei) Fernsehprogramme gab.
Selbst da konnten Interessensüberschneidungen stattfinden,
aber es waren deutlich weniger.

Ausgehen sollte man wieder. Wie früher. Au ja.
Keine Programmwahl, nur die Frage des Kellners, was man trinken mag.
Passt die Musik nicht, hört man das schon auf der Straße und geht einfach weiter, ohne sich erst “reinhören” zu müssen.
Keine Verwandschaft, nur Freunde. Und die Option, noch mehr neue Freunde kennenzulernen, ohne von ihren geposteten Tellern genervt zu werden.
Echte Menschen, bei denen man sieht, ob sie lachen oder nur so tun als ob.
Seufz.

Auch das klingt nach einem Plan. Einem guten. So mach ich das.
In diesem Sinne … Tschüss bis nächste Woche.

 

Oh diese Nachbarn!

Nachbarn, eine merkwürdige Gattung Mensch.
Jeder hat sie, nicht jeder will sie.
Sie sind so vielfältig, wie es die Natur ist.
Dicke, dünne, große, kleine, alte, junge.
Rücksichtsvolle, liebevolle – und andere.

Ich bin in meinem Leben einige Male umgezogen. Da kommen viele Orginalen zusammen. Lasst mal überlegen:

Da war die Dame, die sich als Hausmeister aufspielte (es aber nicht war) und mir meinen Kellerschlüssel abnahm, weil 1-Zimmer-Wohnungen angeblich keinen Keller haben. – Geglaubt habe ich es ihr nicht, aber ich hatte keine Chance. Ich stand mit meinem gesamten Hausstand vor der Tür, hatte Zeitdruck, weil der Wagen noch ausgeräumt werden musste und es nur noch eine Stunde Luft gab, bis der Mietwagen eine weitere Stunde gekostet hätte. Circa fünf Jahre später habe ich durch Zufall die Kellertür offen gesehen und musste nachzählen, ich konnte nicht anders. Eigentlich überflüssig, da ich die Wohnung von einer Freundin hatte, die mir schon ein halbes Jahr nach Einzug bestätigte, dass es definitiv einen Keller gegeben hatte. Und natürlich gab es ausreichend Keller, sogar noch drei zusätzlich. Wo mein Keller abgeblieben war, konnte ich mir leicht vorstellen.

Die nette Dame wohnte auch noch Tür an Tür mit mir. So kam ich in den Genuss, sie (und das gesamte Haus) zu retten.
Was war passiert: Eines Tages kam ich nachmittags von der Arbeit nach Hause, als ich sie, auf einem Küchenstuhl im Flur sitzend, vorfand. Auf der Schwelle zu ihrer Wohnung – zwei Stuhlbeine in der Wohnung, zwei im Flur. Als sie mich erblickte, krallte sie sich in meinen Arm und meinte, ich möge ihr unbedingt folgen. Jetzt gleich. Sofort. Sie bekäme den Herd nicht aus.
Ich gebe zu, ich war irritiert. Zickte sie mich doch sonst immer nur an.
Nun gut, ich war und bin ja kein Unmensch.

Vergeben ist Pfadfinderpflicht, dachte ich mir und folgte ihr in die nach Bohnerwachs und Spießigkeit riechende Wohnung. Sie zog mich in die Küche und zeigte auf ihren Herd. Ein kurzer Blick und ich erkannte das Drama …
Ein Wassertopf köchelte, mit dem sie irgendetwas bruzzeln wollte.
“Er geht nicht aus!”, jammerte sie. “Ich habe schon vier Stunden auf dem Stuhl gesessen, aber es ist keiner nach Hause gekommen.”
Vier Stunden. Wow. Das nenn ich mal Ausdauer für so eine tüttelige Dame, deren Blase bestimmt nicht mehr die beste war.
Ein Blick auf die Knöpfe des Herdes offenbarte ihr -hausgemachtes- Dilemma. In ihrem Putzwahn hatte sie so lange auf den Schaltknöpfen herumgerieben, bis keine Zahlen mehr erkennbar waren. Rechtzeitig Striche zu machen an den entsprechenden Stellen oder gar Kerben mit dem Messer zu graben, um wenigstens die Null-Stellung zu orten, war ihr nicht eingefallen. Kriegsgeneration eben. Man macht Kerben in seinen Gewehrholm, aber nicht in Herde!
Selbstverständlich hatten die Knöpfe eine Mini-Markierung, die, das muss ich zugeben, kaum sichtbar war. Auch ich musste suchen.
Und außerdem: Es war natürlich auch eine Gemeinheit des Herdes, dass er Elektroplatten hatte. Die Restwärme ließ nicht erkennen, ob die Platte noch heizte oder nicht. Und Geduld ist ab einem bestimmten Alter nicht mehr angesagt. Man hat schließlich in seinem Leben schon genug gewartet und muss die letzten Sekunden des Lebens auskosten. Auf die Gefahr hin, es werden auch die letzten Sekunden des restlichen Hauses. Wer war das noch, der gesagt hatte, wenn man sich umbringen will, soll man mindestens drei mitnehmen, die es verdient haben? So ein Mietshaus macht die Auswahl dann natürlich einfacher. Irgendwer wird schon dabei sein, der Dreck am Stecken hat. Ist ja eine Großstadt, in der man lebt. Die sind per se schon Sündenpfuhle. Ach ja, früher auf dem Land war alles besser und die Menschen zufriedener …

Als ich, von vielen Dankesbekundungen verfolgt, meiner Wohnung zustrebte, im sicheren Gefühl, für kurze, viel zu kurze Zeit die Welt und speziell unser Haus gerettet zu haben, fragte ich mich, wie groß die Halbwertszeit solcher Dankbarkeit wäre. – Ich darf euch verraten:
NICHT sehr LANG.
Schon eine Woche darauf hörte ich wieder ihr Gekeife hinter mir bezüglich meines vollen Postkastens. Als ich dann aber Mahnungen bekam, weil sie dem Postboten gesagt hatte, ich würde nicht mehr in dem Haus wohnen (vermutlich weil ihr Gehör versagte und sie meine Musik nicht mehr durch ihr Fernseher-Getöse hörte, das allabendlich durch die Wand drang), hatte ich genug und suchte mir neue Nachbarn.

Die Nächsten warnten mich schon drei Tage vor Einzug, auf was ich mich vorzubereiten hatte. Ich habe nicht darauf gehört und musste büßen. Selbst schuld.
Ich hatte drei Tage vor Einzug die Schlüssel für meinen, nun definitiv zur Wohnung gehörenden, Keller bekommen, um schon Sachen einzulagern. Meine Wohnung wurde noch renoviert. Die Tapeten hatte ich mir zwar aussuchen dürfen, aber noch nicht an der Wand gesehen, da der Hauptschlüssel noch fehlte.
Die Beurteilung darüber erübrigte sich, da ich sie frei Haus geliefert bekam.
Während ich noch meine Kisten umschaufelte, um sie nach Zimmern sortiert schnell greifen zu können, wenn es losging, spürte ich im Genick ein leichtes Kribbeln. Als naturwissenschaftlich erzogener Mensch kann ich nur sagen, es müssen die freien Radikale gewesen sein, die meine Aura störten. Als ich mich umdrehte, stand da eine niedliche Oma, vermutlich Mitte sechzig mit Kittelschürze und einen Röntgenblick. Die Radikale waren unsichtbar, aber ich sollte sie noch zu spüren bekommen.
“Sie sind die Neue!”, stellte sie fest. Während ich noch nickte, folgte umgehend: “Schöne Tapeten haben sie.”
Irritiert blieb mir die Sprache weg und sie musste an meinem Gesicht gesehen haben, welche Frage mich beschäftigte. Also berichtete sie mir dreist, sie habe die Handwerker bemerkt und Kaffee gekocht und das Gebräu den Handwerkern heruntergebracht, da sie zwei Stockwerke über mir wohnte. Dabei seien ihr meine Tapeten ins Auge gefallen.
Ich war mir nicht ganz sicher, ob sie erwartete, dass ich ihr für den Kaffee dankte oder ihr einen Scheck ausschreiben sollte, aber sie fuhr schon fort, mir genau zu erzählen, wer noch in dem Haus wohnte, wie alt er wäre und was er treiben würde. Selbst die Freundinnen hatte sie schon gecheckt.
Ah ja. Gut zu wissen, dachte ich mir.

Ehrlich: Die Warnung half mir kein Stück. Ich achtete zwar darauf, wen ich in meine Wohnung mitnahm, aber das hatte ich vorher schon getan. Sehr ärgerlich. Ich lud auch keinen zum Kaffeeklatsch ein. Noch ärgerlicher. Wie sollte man so die Einrichtung durchhecheln mit der halben Straße. Oder die Kondome im Badezimmer suchen?
Sprich: Ich war ein echtes Ärgernis.
Das ging ja garnicht. Irgendeinen Aufhänger musste es geben. Ein halbes Jahr warteten sie, die nette Oma aus dem dritten Stock und die 20-Jahre ältere aus der Wohnung unter ihr. Dann hatten sie ihn gefunden:
Deutschlands liebster Sprengstoff in Mietshäusern. “Die Hausordnung”.
Es ärgerte sie zu Tode, bzw. leider nur kurz vor Tode, dass ich nicht “ihre Zeit” zu nutzen schien. Samstags vormittags um 11 Uhr ist Hausordnungszeit. Nicht früher, nicht später.
Das weiß ich jetzt. Und halte mich immer noch nicht daran. Oh Schande.

Nachdem ich selbst auf ihr Klingeln nicht reagierte, bzw. die Haustür wieder vor der Nase der Dame schloss, war ich der Antichrist der Hausgemeinschaft. – Und stolz drauf.
Also nicht dass ich die Aufgabe verweigerte. Im Gegenteil. Ich wienerte die entsprechenden Stellen bis zur Selbstaufgabe … nur nie um 11 Uhr an einem Samstag.
So gnadenlos wie sie und ihre Busenfreundin aus dem Stockwerk über mir, die mir dann alle drei Monate den Hausmeister auf den Hals hetzten, anonyme Zettelchen in den Briefkasten warfen oder die eine mich mit der ganzen Kraft einer über 80-jährigen in der Haustür einklemmen wollte, ernsthaft, sowas habe ich seit dem nie wieder erlebt.
Die Krönung kam, als im Winter die Wasserrohre einfroren. Auf ihrer Seite, nicht auf meiner. Kein Wunder, denn das Erdgeschoss und auch der erste Stock waren über Weihnachten nicht zu Hause und hatten alle Heizkörper abgedreht. Bei außenliegenden Rohren etwas risikoreich. Ich grinste, als ich die Gespräche im Hausflur mitbekam. Mit bester Laune strebte ich wieder in meine Küche, denn es galt einen Geburtstagskuchen fertigzustellen. Meinen. Es war der Vortag zu meinem Ehrentag.

Nachmittags klingelte es an der Haustür. Sie stand vor der Tür.
“Ach sie sind ja doch da. Ich wollte ihnen nur mitteilen, dass die Feuerwehr in ihren Keller eingebrochen ist. – Die Rohre sind eingefroren und Sie sind schuld, weil ihr Kellerfenster in Kippe stand.”
“Wie bitte? Bei mir hat keiner geklingelt. Wie können die in den Keller, ohne dass bei mir jemand klingelt?”
“Ich habe denen gesagt, Sie sind nicht da. Sind Sie ja normalerweise auch nicht.” Auch das klang vorwurfsvoll. Wie konnte ich denn nur arbeiten gehen. Eine gute deutsche Frau war vermutlich verheiratet und immer zu Hause. Aber es ging weiter: “In ihren Keller kommt man doch ganz einfach. Da muss man doch nur den Riegel etwas zur Seite schieben, dann geht die Tür auf, weil der Backstein morsch ist.”
Danke, das wusste ich. Aber woher wusste sie das? Wie oft hatte Frau Tapetenforscherin schon in meinen Sachen gewühlt?

Jeglichen Protest von mir schüttelte sie ab wie eine Katze ein paar Regentropfen. Sie drehte sich einfach um und ließ mich verdattert stehen. Statt dessen hatte ich kurz darauf den nächsten Besuch des Hausmeisters, der mir ihre Klagen mitteilte. Lieblingsthema: Ich würde die Hausordnung nicht richtig machen. Und sie wäre eine so solide langjährige Mieterin, der man unbedingt Glauben schenken müsse.
Meinen Lappen, aus dem die Flecke der ersten “großen Hausordnung” nicht mal mit Kochen und Fleckensalz herausgingen, weil die ach-so-sauberen-Erzhausfrauen nur “runde Ecken” kannten, akzeptierte er nicht als Gegenargument. Auch nicht den Kalender, in dem ich die Tage sogar mit Tageszeit notiert hatte.
Also saß er nun zwei Tage nach Silvester, immer noch besoffen und drei Meter gegen den Wind nach Schnaps stinkend, in meiner Wohnung und weigerte sich, diese zu verlassen. Erst nachdem ich die Polizei kam, die ihm versuchte den Tatbestand des Hausfriedensbruch nahezubringen, jedoch an seinem Alkohol kläglich scheiterte, schlich er uneinsichtig wie eh und je von dannen.
Auf den Entschuldigungsbrief, den der Schiedsmann von ihr und dem Hausmeister gefordert hat, warte ich heute noch.

Ja, Nachbarn.
Man liebt sie, man hasst sie.
Aber man kommt ohne sie leider nicht durch die Welt.
Ich hoffe nur, ich mache es besser …

In diesem Sinne wünsche ich Euch freundliche Nachbarn,
mit genau der Nähe, die ihr verkraften könnt.
Einen schönen Sonntagabend.

Magerwahn – auf Facebook

Abnehmgruppen auf Facebook:
Ich werde das Gefühl nicht los, es sind zum großen Teil
Tauschbörsen für Rezepte von / für potenziell Magersüchtigen
und Halbwahrheiten. Aber Gefühle sind frei. Selbst meine.

Noch…


Magere Gedanken
(Gedicht)

Kurzer Ausflug in Diätwelten-Gruppe.
Ade Bratkartoffel, hallo Magersuppe?
->Festgestellt: Nicht “meine” Welt.

Entschieden, lieber entspannt zu genießen.
Zufrieden rundlich, lass nichts mir vermiesen.

4/5tel des Lebens: ich schlank – nix Diät.
Das sollte euch reichen, ja sogar das geht.

Kannst nicht jeden retten, ganz sicher mich nicht.
Muss jeder selbst wissen, ob ihn das anficht.

… Bleibt nun zum Schluss noch die Kardinals-Frage:
… Eis? Kuchen? Pizza? Und welche Beilage?…


Ja, meine “schlanken” Tage sind vorbei. Definitiv, vermutlich endgültig.
Vollschlank! Wer hat sich so ein Augenwischer-Wort nur ausgedacht.
Irgendwann packte mich aber der Ehrgeiz und ich wollte noch Mal …
Mein Jeans-Minirock, der gerade noch über einen Oberschenkel passte,
er hat mich dezent deprimiert. Gebe ich zu. Wenn auch nur kurz.

Voller Motivation also ab nach Facebook. Hier gibt´s Gruppen für alles?
Vom Fußpilz bis zum abgebrochenen Fingernagel wird einem geholfen.
Warum also nicht auch mir, dachte ich so.
Ein paar Erfahrungsaustausche und das Gefühl, nicht alleine zu kämpfen.
Und leckere Rezepte, die nicht nach Verzicht schmecken.

Als erstes musste ich feststellen, dass ich kein Deutsch konnte.
Xucker mit X. Muss ein Fehler sein, oder? Englische Tastatur und dann verrutscht.
Leider nein. Ich kann einfach kein Diät-Deutsch. Denn den gibt es.
Metabolismus, Detox, Grundumsatz, Formula, Glyx, usw. und so fort.
Zwei Wochen habe ich allein nur nachgelesen, wovon die Mitleidenden sprachen.
Jawohl Mitleidenden. Jubelrufe waren selten. Keiner war irgendwie zufrieden.

Dann beschloss ich, mich nur noch auf die Rezepte zu konzentrieren.
Ich öffnete also meinen Küchenschrank für Dinkelmehl und Xucker.
Und schloss ihn schnell wieder. Denn Abnehmen ist teuer.
Am sichersten nimmt man am Portemonnaie ab.
Eigentlich logisch: was man teuer bezahlt hat, um es auf die Rippen zu kleben,
sollte man genauso teuer auch wieder verlieren müssen. Strafe muss sein.

Immerhin, ich war immer noch willig. Habe mich durch Foren gelesen, nächtelang.
Und Menschen beobachtet. Menschen auf einer Mission gegen alles, was Spaß macht.
Nicht böse sein, ich kann nicht anders. Es ist mir wie eine zweite Haut.
Warum macht wer was warum und wie? Ich hinterfrage alles, selbst mich.
Es war schon merkwürdig. Ich habe ja oben erwähnt, dass nur wenige zufrieden waren.
Der Trend setzte sich fort. Wo immer ich hinkam, der gleiche Tenor:
“Ich habe jetzt 50 kg abgenommen, aber ich will 60. ” Oder:
“Ich habe vorgestern eine Pizza gegessen. Seit dem habe ich nicht mehr gesch… jetzt wiege ich 50 Gramm mehr. Wie kann das sein?”
Schlimm. Das zog mich herunter. Mehr noch als mein Jeans-Minirock.
(Nun gut, der wog aus Stoffmangel auch nicht so viel.)

Was mich dann aber wirklich aufregte, war ein Post, der mich erschreckte.
Falsch, dessen Antworten mich erschreckte. So muss das lauten.

Eine Dame meinte, sie würde jetzt nach Abnahme 65 kg wiegen und
wollte noch 10 weitere verlieren. Ihre Waage allerdings stockte und sie war verzweifelt.
Rasch kamen massenweise Tipps. Das aggressive Ping-Ping von Facebook ließ keine andere Beschäftigung mehr zu. Also wollte ich sehen, was da so megainteressant sein sollte. – Und habe alle Posts gelesen.

OMG.

Keiner, absolut keiner hinterfragte die Ausgangssituation.
Niemand wollte wissen, wie groß die Dame war. Wie sich das Verhältnis zusammensetzte, was sie vorher wog. Wieviel sie in welcher Zeit abgenommen hatte. Ob es realistisch war.
Wie alt war sie überhaupt?

Nun wusste ich aus eigener Erfahrung, dass 65 kg sehr schlank sein können.
(Oh schön war die Zeit. Da passte auch noch der Jeans-Mini!)
Und meine Gedanken waren bei der Posterin. Wer war sie?
War sie vielleicht nur 1,60m oder doch 1,80m?
Ich machte mir Sorgen, sie könne ins Untergewicht fallen.
Schlimmer noch: MAGERSUCHT
Denn wo ist die Grenze von schlank zu mager?
Wie lange ist Abnehmen gesund und ab wann wird man krank?

Ich musste eingreifen. Habe laut STOP gerufen und erstmal nachgefragt.

Und dann kamen die Shit-Posts!
Fast genau so viele wie vorher Tipps.
Ich war schlagartig der Anti-Christ der Abnehmgruppe.
Hallo? Geht´s noch? Was war mein Fehler?
Weil ich mir Sorgen um eine der ihren gemacht habe?

An dem Tag beschloss ich, mit etwas Speck auf den Rippen schlägt sich
mein Freund nicht die Knochen blau, wenn er mich umarmt.
Und das ist gut so.
In einer Gruppe zu sein, die sich so wenig um sich selbst kümmert,
und noch weniger auf andere Acht gibt, möchte ich nicht sein.
Niemals. Und niemals wieder.

Ich erklärte meinen Abschied, reimte das oben gepostete Gedicht und das war´s.
Und habe es nicht bereut.
(Und meinen Jeans-Mini hebe ich trotzdem auf. Er ist eine Erinnerung an eine andere Zeit. Nicht mehr und nicht weniger. Ohne Reue, ohne Depri.)

In diesem Sinne:
Man muss schon auf sich selbst aufpassen. Ein anderer wird es nicht tun.

Ich wünsche Euch einen entspannten Tag.

Erste Ausblicke


Morgen können so mörderisch sein!

 

Besonders, wenn sie so früh beginnen.

 


Aus dem Inhalt:

„Wie kann ein Morgen gut werden, wenn er noch vor dem Wachwerden
beginnt?“

Herbert kennt sie, diese Tage, die schon morgens das Elend des Tages
einfangen und die man am besten im Bett verbringen sollte. Davon hatte
er schon viel zu viele.
Abgestumpft von den täglichen Enttäuschungen wartet er … ja auf was
eigentlich? Sein wöchentliches Skatspiel mit Kumpel Holger? Ein Bierchen
bei Manni?

In diese Phase seines Lebens kommt, mehr durch Zufall, Bewegung und
der frische Wind lässt ihn aufbrechen in eine hoffnungsvollere Welt.
Nur hätte er den Start nicht ausgerechnet MORGENS wagen sollen.
Denn so passieren ihm Fehler, die seine Zukunft massiv gefährden …

Der Morgen ist einfach nicht seine Zeit.


Ab sofort im Handel
und beim JustTales Verlag

Print:       ISBN 978-3-947221-06-6
E-Book:    ISBN 978-3-947221-07-3

Vorankündigung

Auf-gute-Zusammenarbeit
Neuste Meldung !

Es ist soweit.
Schreiberling droht mit Veröffentlichung.

Dieser Winter wird (mörderisch) gut.

Morgenmuffel
(eine “etwas andere” Kriminalgeschichte)

Mein Buch-Erstling.
ISBN 978-3-947221-06-6

Auch als E-Book erhältlich:
ISBN 978-3-947221-07-3

Reimereien — Zum Herbst

Gartensterne

Wenn Nächte länger werden und die Winde wehen,
Vögel nach dem Süden ziehn, ist es Zeit zu gehen.

Sagten sich die Sommerblumen. Keine ist mehr da.
Gingen schlafen in dem Boden bis zum nächsten Jahr.

Nur die Astern grüßen noch, so bockig trotzen sie
den Stürmen und der Kälte, schöner waren sie nie.

Ja der Herbst ist ihre Zeit, und er ist auch meine.
Keine Träne für den Sommer, die ich um ihn weine.

Wie die Astern freu ich mich auf die wilden Stürme,
Drachen steigen himmelhoch über steile Türme.

Ohne Wind, nichts wären sie. Kinderaugen lachen,
frische Luft, die Wangen rot, sie den Flug bewachen.

Bunt die Farben, letzter Gruß. Winter ist nicht ferne.
Umso mehr genieße ich, meine Gartensterne.

Bald kommt Marvin !

Wer ist Marvin?

Marvin ist ein kleines Murmeltier, daß Agatha kennengelernt hat.
Er wohnt in einer Höhle unter der alten Fichte am Ufer des Gebirgsbaches.

Momentan ist er noch beschäftigt, sich für den Winterschlaf ordentlich
voll zu fressen. Aber bald hat er wieder mehr Zeit.

Wenn die Herbststürme vorüber sind, kommt er hier vorbei
und kann Euch von seinem aufregenden Leben erzählen.
Von seiner Familie, seinen Freunden und seinen Erlebnissen im letzten Jahr.
Und das war ein tolles Jahr.

Ich habe Marvin 2017 kennengelernt und ihm versprochen, seine Geschichte aufzuschreiben.
Er tut sich etwas schwer damit, den Stift längere Zeit in seinen Krallen zu halten.
Wir haben ausgemacht, dass seine Geschichten hier in loser Reihenfolge erscheinen werden.
Freuen wir uns darauf. Denn eins ist schon sicher: es wird spannend.

 

Quelle: Agatha van Wysn

Herbststürme

  1. Herbststürme

“Schon wieder alles voll. Dabei war ich doch erst gestern dabei. Mist.”
Nelli schnaufte genervt und griff nach dem Straßenbesen. So toll die Bäume auch waren, im Frühjahr brüteten die Vögel und machten ein Ausschlafen am Wochenende unmöglich. Im Sommer waren sie so dicht, dass es im Zimmer immer kalt war und im Herbst hatte man die Blätterflut. Liegenlassen konnte sie die nicht, dazu war die Rutschgefahr zu groß.

Sie hatte gerade die Hälfte der Blätter entsorgt, da setzte der Regen ein. Schnell sah sie sich um, aber das war noch zu viel, was da lag. Dann musste das eben warten. Lag sowieso schon viel zu lange hier rum.
Sie griff nach dem Eimer mit den bereits gesammelten Blättern, entleerte ihn schnell in der braunen Tonne, dann sah sie zu, dass sie ins Haus kam.

Drinnen schüttelte sie sich, dass die Tropfen nur so von der Strickjacke purzelten.
“Zeit für einen heißen Kaffee!”

Während der Kaffee leise durch die Maschine gurgelte und sein Duft die Küche durchzog, überlegte sie, was sie sich dazu Gutes gönnen könnte. Sie fand, es war Zeit, sich zu verwöhnen. Jemand anderes würde es ja nicht mehr tun. Markus war weg.

Normalerweise wäre das Kehren seine Arbeit gewesen, aber er fand immer Gründe, warum es gerade jetzt nicht sein sollte. In letzter Zeit immer öfter. Und sie war so blöd gewesen und hatte die Zeichen nicht gesehen. Dachte, er wäre überlastet. Na ja, war er ja auch. Irgendwie. Nur nicht mit ihr.
Jedenfalls hatte es immer öfter Ärger gegeben, weil er seine vereinbarten Pflichten nicht erledigte oder aufschob. Bis der letzte Knall alles geklärt hatte. Wutentbrannt hatte er seine Klamotten gepackt und ihr erklärt, er würde zu Sandra gehen. Seiner Ex. Die würde nicht so zicken. Da wäre ein Mann noch ein Mann.

An dem Punkt angekommen, beschloss sie, Waffeln zu backen.
Backen entspannte. Backen war Therapie gegen den Kloß Tränen in ihrem Hals, der sich festsetzen wollte und der das Schlucken schwer machte.
Als sich der Duft der frischen Waffeln mit dem Kaffee mischte, setzte auch die beruhigende Wirkung ein. Die erste Waffel verschlang sie wie ein Tier. Das tat so gut und schmeckte nach mehr.
“Essen ist wohl doch die Erotik des Alters”, dachte sie sich schmunzelnd. Schnell waren die anderen Waffeln fertig. Und Markus vergessen.

Die Kaffeetasse in der einen, den Teller mit Waffeln in der anderen Hand, ging sie in ihr gemütliches Wohnzimmerchen und ließ sich auf ihrem altmodischen Sofa nieder. Eine Kerze stand noch auf dem Tisch. Die zündete sie an und genoss den warmen Schimmer. Es wurde schon früh dunkel, obwohl es noch nicht so spät war. Besser, sie machte die Rollos vor dem Fenster herunter, damit man nicht in ihr Zimmer sehen konnte.

Sie stand auf und griff nach dem Gurt. Ihr Blick schweifte noch einmal Abschied nehmend auf die untergehende Sonne vor ihrem Fenster und sie zuckte zurück.
Der neue Nachbar kam gerade nach Hause und blickte zu ihr hoch.
Hoffentlich hatte er sie nicht gesehen. Nachher käme er noch auf die Idee, sie könne die Straße ausspähen. Nicht auszudenken.

Sie ließ krachend das Rollo fallen und seufzte erleichtert. Jetzt konnte er ihr nichts mehr nachsagen. Gedankenverloren hielt sie noch immer das Gurtband des Rollos in der Hand.

Der Neue war schon ein Schnuckelchen. Wohlgebaut, leichte Strähnchen in den noch dunklen Haaren, die immer etwas wirr aussahen, als wäre er gerade nach einer heißen Nacht aus dem Bett gekrabbelt.

“Nelli, reiß dich zusammen. Du sabberst ja schon.” Energisch riss sie sich zusammen und wollte gerade wieder an ihren Kaffeetisch, als sie einen leisen Aufschrei hörte.

“Autsch, verdammt!”

Das kam doch von draußen! Sie drehte sich um und zog vorsichtig das Rollo circa zwanzig Zentimeter wieder hoch und schielte, durch ihre Blumen geschützt, nach draußen.

“Ach du dicke Backe.” Sie ließ das Rollo vor Schreck wieder herunterkrachen. Der Neue saß mitten in einer Pfütze auf dem Boden vor dem Haus und hielt sich schmerzverzerrt das Bein.

Ihre Schuld. Sie hatte die zusammengeschobenen Blätter zu seinen Füßen gesehen. Vermutlich war er auf ihnen ausgerutscht.
Das hatte sie nicht gewollt. Sie musste ihm helfen. Eilig griff sie sich den Schlüssel und huschte zur Haustür. Dabei überlegte sie krampfhaft, wie der Neue eigentlich hieß. Wie sollte sie ihn ansprechen?

An der Tür angekommen, hatte sie darauf immer noch keine Antwort. Egal, es würde ihr schon noch einfallen. Erstmal handeln. Fragen stellen konnte sie später.

“Kann ich Ihnen helfen?”

“Verdammte Blätter. – Ja, danke, wenn Sie mir aufhelfen könnten? Ich glaube, ich habe mir den Knöchel verstaucht. – Mann, tut das weh.”

“Es tut mir leid. Ich wollte sie schon weghaben, aber der Regen …” Sie wurde vor lauter Schuldbewusstsein immer leiser, bis ihre Stimme endgültig verstummte. Mit hängenden Kopf und eingezogenen Schultern lief sie die drei Stufen zu ihm herunter und griff ihm unter die Arme, um ihn hochzuziehen.
“Tolle Muskeln”, schoss es ihr durch den Kopf. Irritiert schüttelte sie den Kopf und griff fester zu, um ihn aufzuheben.

“Autsch!”

“Entschuldigung!”

“Nein, nein, ist schon gut.” Er kniff die Zähne zusammen. Sie sah es. Und fühlte sich noch beschissener.

Einen Arm um ihren Hals, die linke Hand auf dem Handlauf, krabbelte er die Treppenstufen hoch. Er musste sich schwer auf sie stützen. Aber sein Arm war kräftig und warm. So dicht war sie einem Mann seit Markus Auszug nicht mehr nahe gekommen. Es fühlte sich gut an. Ein leichtes Kribbeln machte sich in ihrem Magen breit, dass sie schon lange nicht mehr so empfunden hatte. Irritiert konzentrierte sie sich wieder auf ihre Hilfsaktion.

“Es tut mir leid. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes. Ich wollte die Blätter längst weggefegt haben, aber ich wurde vom Regen überrascht.”

“Nein, ist schon gut. Ich hätte auch aufpassen können. Die Blätter waren ja gut zu sehen. Ich bin nur etwas mit dem Knöchel umgeknackst. Nicht weiter schlimm. Ich kenn das schon. Passiert mir immer wieder. Seit ich in der zehnten beim Fussball mir den Knöchel gebrochen habe.”

Sie glaubte ihm kein Stück. Typische männliche Beruhigungstaktik. Sie fühlte sich schuldiger als zuvor. Da hatte er eine alte Knöchelverletzung und sie hatte es schlimmer gemacht.

“Kommen Sie doch erstmal zu mir. – Ich wohne in Parterre und habe noch einen Coolpack im Gefrierschrank. Der Fuß muss schnell gekühlt werden, sonst schwillt der so an, dass sie nicht mehr in den Schuh können.”

“Danke. Aber Sie müssen sich keine Mühe machen. Das geht schon irgendwie.”

Gelogen. Aber so süß gelogen.

“Keine Debatte. Ich kann Sie so nicht die Treppe hochkrabbeln lassen. Ich schulde ihnen zumindest ein Coolpack und einen heißen Kaffee. Waffeln habe ich auch noch.”
Erstaunt über ihren Mut griff sie noch einmal fester um seine Rippen und zog ihn zu ihrer Eingangstür. Kein Gramm Fett. Ganz anders als Markus. Der hatte mit seinem ständigen Fast Food die letzten Reste seiner kaum vorhandenen Mukkis längst überlagert. Mehrfach.

“Waffeln? Da kann ich nicht nein sagen.” Er lächelte unter Schmerzen. Ein bezauberndes Lächeln.

Sie spürte das Blut in die Wangen schießen. “Schnell wegsehen, bevor er es bemerkt”, dachte sie und wurde trotzdem rot. Auch das noch.

Die Tür war etwas zu eng für beide. Sie musste sich dicht an ihn drücken, um hindurch zu kommen. Ein Schwall herbmännliches Rasierwasser kroch in ihre Nase. Lecker.

“Oh, das sieht aber gemütlich aus. Aber ich bin in eine Pfütze gefallen. Ich werde ihnen das Sofa total durchweichen!”

“Das macht nichts, aber ich hole Ihnen schnell ein Handtuch. Können Sie sich hier an der Lehne kurz festhalten, während ich das Handtuch hole?”

“Ja klar.”

Sie huschte in ihr Schlafzimmer und griff sich das erste Handtuch, das sie erwischte, ohne lange nachzudenken. Dann eilte sie zurück zu ihrem Patienten. Sie breitete das Handtuch über ihren Lieblingsplatz und half ihm, dort Platz zu nehmen. Sie rückte noch ein Sesselchen in die Nähe und hob den geschädigten Fuß darauf.

“Einen kleinen Moment noch. Ich hole nur das Coolpack.”

“Kein Problem. Ich bin hier gut aufgehoben.” Sein anerkennender Blick schweifte durch die Wohnung und blieb an ihr hängen. Ihm schien zu gefallen, was er sah.

Sie flüchtete in die Küche und lehnte sich aufatmend an die Spüle. Die ganze Sache kam ihr so unwirklich vor. Da hatte sie sich erst vor einem Monat von Markus getrennt und schon hatte sie so ein Sahnestück auf ihrer Couch. Das würde ihr keiner glauben. Maria und Evelin schon gar nicht. Sie hatten sie immer wieder vor Markus gewarnt. Er sei ein Schmarotzer und ihrer nicht würdig. Wie recht sie hatten.

Was ihn an ihr gefallen hatte, war ihr schleierhaft.
Er hatte immer an ihrer Einrichtung herumgenörgelt. – Zu plüschig.
Ihr Essen hatte ihm nicht geschmeckt. – Zu grün.
Ihre Klamotten. – Zu wenig nuttig.
Na zumindest das hatte er jetzt nicht mehr. Seine Ex würde schon dafür sorgen, dass er im letzten Punkt nicht zu kurz kam.

Ihre Freundinnen hatten ihr ständig in den Ohren gelegen, sie solle sich unter den anderen Exemplaren der Spezies Mann umsehen. Jemand, der ihren Hang zur Gemütlichkeit auch schätzen würde. Irgendwann hatte sie nachgegeben und sich auf die Blinddates eingelassen, die ihr die Mädels vermittelten, doch die waren allesamt Reinfälle. Sie war wohl noch nicht bereit dazu. Das war´s.

Vorsichtig schielte sie um die Küchentür.

Er hatte es sich auf der Couch langgemacht und spielte gerade mit den Trotteln an ihren Kissen. Ein Buch, das sie noch schnell hinter dem Kissen versteckt hatte, als sie das Handtuch auf der Couch für ihn ausgebreitet hatte, fiel ihm in die Hände. Er las den Titel, dann legte er es auf die Ablage unter dem Couchtisch.
Oh nein. Ihren Schundschmöker musste er finden. Ausgerechnet. Wie peinlich. Sie wurde schon wieder rot.

Ab und zu gönnte sie sich eine Auszeit von der Fachliteratur, die sie sonst immer lesen musste, um auf dem Laufenden zu bleiben. Und genau diesen Roman ihrer Lieblingsschriftstellerin hatte er gefunden. Was er wohl von ihr denken mochte? Amanda Brown war der Inbegriff von Schnulze und damit höchst erfolgreich. Wäre es doch nur das Steuerhandbuch gewesen. Sie seufzte. Nichts zu machen. Jetzt war es zu spät, daran noch etwas zu ändern.

Er beugte sich zu den Blumen auf den Tisch und roch daran. – Ein Mann der Blumen mochte? Sie hatte gedacht, die wären ausgestorben.

“Wie heißen Sie eigentlich?  Wo ich schon hier ihre Couch belagere sollten wir uns vielleicht vorstellen. Ich heiße Thomas Weber und bin vor einem Monat im ersten Stock eingezogen.”

Ertappt zuckte sie von der Tür zurück.

“Ich heiße Nelli. Nelli Schäfer. Und ich wohne schon immer hier.” Sehr sinnig, wie geistreich  … und wie langweilig! Sie schlug sich auf die Stirn.

“Hey Nelli. Danke für die Hilfe und das Handtuch.”

Das Coolpack. Siedendheiß fiel ihr wieder ein, warum sie überhaupt die Küche betreten hatte. Sie griff sie es, holte noch schnell ein Geschirrhandtuch und wickelte den Kühlakku darin ein. Dann betrat sie mit dem Paket das Zimmer, in dem ihr Patient geduldig auf Hilfe wartete.

“Ah, das tut gut.” Der Knöchel sah nicht gut aus. Er war schon leicht angeschwollen. Sie wickelte das Handtuch enger um die geschwollene Stelle und stammelte erneut eine Entschuldigung, als er leicht zusammenzuckte.

“Kein Problem. Wird sicher gleich besser.”

“Kaffee?”

“Gerne. Und wenn ich darf, auch eine ihrer köstlichen Waffeln. So hat es immer bei meiner Mutter geduftet. Lecker.”

Na toll, er verglich sie mit seiner Mutter.

Nelli flüchtete zurück in die Küche und griff nach dem Geschirr. Die Tasse klapperte vernehmlich auf der Untertasse, so zitterten ihre Hände. Noch einen Teller für die Waffel, einmal tief durchatmen, dann drückte sie die Schultern durch, hob den Kopf und betrat wieder das Wohnzimmer.

“Es ist nur ein Mann. Ein Patient. Reiß dich am Riemen”, machte sie sich innerlich Mut. Sie lächelte ihn zaghaft an, als sie ihm die Tasse mit Untertasse reichte. Er griff mit seiner sehnigen Hand zu. Kein Ring. Gut.

Sie legte eine der Waffeln auf den Teller und stellte ihn vor Thomas auf den Tisch. Der griff beherzt zu und ließ ein anerkennendes “Mhhmmm” verlauten.

Schweigend genossen sie die Waffeln. Nelli schenkte ihm Kaffee nach. Er trank ihn in kleinen Schlucken und sie sah fasziniert zu, wie sich die Muskeln an seinem Hals beim Trinken bewegten. Seine Haut war noch vom Sommer leicht gebräunt. Das Karohemd im Holzfäller-Look stand ihm hervorragend. Dazu die braune Kordhose und die ebenfalls braunen Leder-Mokkasins. Sie kam sich in ihrer alten Jeans und dem noch älteren T-Shirt, das bei einer der letzten Wäschen eingegangen war und sich nun stramm um ihre Oberweite spannte, völlig unpassend gekleidet vor. Aber sie hatte ja auch nur Hausarbeit vorgehabt. Nichts hatte sie auf einen solchen Besuch vorbereitet.

“Schmeckt prima.”

Sie schreckte aus ihren Gedanken hoch.

“Danke.”

“Ich hoffe, ich esse ihrem Besuch jetzt nicht die Waffeln weg?”

“Ich habe keinen Besuch erwartet. Die Waffeln waren nur für mich.”

“Keiner, der einer so schönen Frau an einen solchen Abend Gesellschaft leisten will?

“Nein, keiner.”

“Die Männer müssen blind sein. Was machen Sie sonst noch, außer hervorragend zu backen und gestrandete Männer zu retten?”

“Ach das sind doch nur Waffeln. Das ist nichts besonderes. Ich bin Buchhalterin.”

Jetzt kam es gleich. Das höflich reservierte Zurückziehen jeglichen Interesses wie sonst immer. Sie kannte das schon und wappnete sich innerlich.
Doch halt! Das klang anders als sonst.

“Ein verantwortungsvoller Beruf. Ich bewundere meinen Steuerberater immer, wie er alles in die richtigen Bahnen lenkt. Ich habe da leider so garnichts mit am Hut.”

“Was sind sie denn von Beruf?”

“Ich bin Schriftsteller. Zahlen sind nicht so mein Ding. Ohne mein Management wäre ich der meistgesuchteste Steuerbetrüger der Stadt.” Er lächelte. Ein Lächeln, dass ihr die Knie weich werden ließ.

“Ach das ist aber interessant. Was schreiben Sie denn?”

“Lassen Sie uns doch duzen. Das “Sie” klingt so steif. Sag Thomas zu mir.”

“Gerne, aber nur, wenn Sie Nelli zu mir sagen. Äh, ich meine, wenn “DU” Nelli sagst”, verbesserte sie sich rasch.

“Hallo Nelli.” Er reichte ihr seine Hand über den Tisch. Sie ergriff sie. Ein fester, warmer Händedruck. Er passte zu ihm.

“Thomas. Was schreibst du denn nun?”

“Jetzt wird es peinlich. Ich habe deine Bücher gesehen. Du liest Amanda Brown? Ich bin Amanda!”

“Wie?”

Sie starrte ihn verständnislos an.

“Amanda Brown. Ich bin Amanda. Sie ist mein Pseudonym.”

“Aber sie schreibt Liebesschnul… Liebesromane!”

“Sag es ruhig. Liebesschnulzen.” Er grinste spitzbübisch. “Ich bin nicht böse. Es ist ein gut bezahlter Markt.” Er lachte. Ein ansteckendes Lachen. So ansteckend, dass sie automatisch mitlachen musste.

“Und du hast mich gerettet.”

“Wieso habe ich dich gerettet?”

“Ich hatte eine Schreibpause. Eine Blockade. Aber ich glaube, sie ist heute zu Ende gegangen.”

Er lächelte sie schmelzend an. Sie konnte nicht anders. Sie musste zurücklächeln.

“Ohne das Ende kein neuer Anfang. – Wozu nasse Blätter doch gut sein können … Ich liebe den Herbst.”

“Ich auch …”